Seit dem 16. Jahrhundert ist die aus Südamerika stammende Kartoffel in Europa heimisch geworden. Sie war wegen ihres hohen Nährwerts und ihrer Ertragskraft der wichtigste „Treibstoff“ des enormen Bevölkerungswachstums Europas im 18. bis 20. Jahrhundert.

   Die Kartoffel als Volksernährer und -beglücker ist jedoch ein Segen nicht ohne Tücken. Drastisch erfuhren das die Iren als 1845 eine Kartoffelseuche Hungersnöte bewirkte und eine Massenauswanderung auslöste. Erst 2021 erreichte Irland wieder eine Bevölkerungsgrösse, die der vor 1851 entsprach.

   Nach fast drei Jahrhunderten des Kartoffelanbaus und -verzehrs in Europa ist der Umstand ein wenig aus dem Blickfeld geraten, dass die segensreiche Knolle im Prinzip giftig ist. Als Nachtschattengewächs enthält sie Glykoalkaloide, vor allem Solanin, die ihr zur Schädlingsabwehr dienen. Der verzehrende Mensch ist ein solcher Schädling.

   Die heutige Speisekartoffel enthält weit weniger Alkaloide als das peruanisch-bolivianische Urgewächs. Ist sie deswegen ungefährlich?

   Leider nicht. Sie ist nach wie vor giftig. Man kann zwei Aspekte des Gifts unterscheiden: die kurzfristige Vergiftung durch Verzehr von stark Glykoalkaloid-haltigen Kartoffeln oder Kartoffelprodukten, und die Langzeitwirkung einer niederschwelligen aber chronischen Vergiftung.

   Die kurzfristige Vergiftung zeigt sich durch unangenehme und gefährliche Symptome, doch sie ist auch wegen des bitteren Geschmacks solcher Kartoffeln relativ selten. Anders ist es jedoch, wenn grüne Kartoffeltriebe absichtlich verzehrt werden, um eine Vergiftung zu erreichen, wie sie früher zur Abtreibung erzeugt wurde.

   Das Risiko kurzfristiger Vergiftungen sollte nicht unterschätzt werden. Supermarktpersonal wird nicht geschult, auf den Zustand der zu verkaufenden Kartoffeln zu achten. Das Personal ist in der Regel verpflichtet zu verkaufen, was geliefert wird, ohne Ausnahme.

   Freundlicherweise signalisiert ja die Kartoffel, wann sie besonders gefährlich ist, indem sie Chlorophyll anreichert, also grün wird. Das Grün ist zwar harmlos, aber es entwickelt sich im Verein mit den Alkaloiden und ist daher ein gutes Warnsignal. Wenn in einem Netz Kartoffeln ein, zwei Exemplare mit grünen Stellen vorkommen, kann man annehmen, dass der Käufer oder die Käuferin die grünen Stellen herausschneiden und den guten Rest verwenden wird. Was aber, wenn ein Netz voll ist von grünen Knollen?

   Es ist verblüffend, zu beobachten, wenn Netze voll grüner Kartoffeln, die heute in einem Supermarkt angeboten werden,  morgen verschwunden sind.   Da man annehmen muss, dass sie wahrscheinlich nicht vom Personal beseitigt wurden, sind sie also von jemand gekauft und verzehrt worden.

   Ein ganzes Netz grüner Kartoffeln – das signalisiert eine nicht geringe Menge Gift, die den Verbrauchern nicht nur beim Verzehr schlechten Geschmack, sondern auch gesundheitliche Probleme bescheren dürfte. Werden sie eventuelle Beschwerden den Kartoffeln zuschreiben oder die Ursache irrtümlich bei anderen Nahrungsmitteln oder in unspezifischem Unwohlsein suchen?

Eine kürzlich durchgeführte Studie ergab, dass eine 450 Gramm schwere grüne Kartoffel ausreicht, um einen kleinen Erwachsenen krank zu machen. Anders gesagt: ein 2 Kilo-Netz könnte eine Familie von 4 kleinen Erwachsenen krank machen.

   Warum gibt es in manchen Supermarktfilialen häufig grüne Kartoffeln, in anderen nicht? Der Zufall mag eine Rolle spielen, vor allem muss man aber schlechte Lagerung der Knollen bei zu hoher Temperatur und ohne Schutz vor Licht vermuten. Theoretisch müssten Supermärkte gehalten sein, ihre Kartoffelauslagen mit beweglichem Lichtschutz zu versehen, der das üblicherweise starke Kunstlicht blockiert, solange kein Kunde zugreift -- ähnlich wie Deckel von Tiefkühltruhen bei Nichtgebrauch geschlossen werden.

    In Wirklichkeit müsste man schon froh sein, wenn die Kartoffelauslagen wenigstens ausserhalb der Öffnungszeiten der Märkte und nachts lichtgeschützt werden.

   Zusätzlich gibt es noch einen anderen Aspekt des Verzehrs von Kartoffeln, nämlich die langfristige Problematik. In Ländern wie USA, Russland, Polen, Deutschland, Frankreich und Grossbritannien, wo die Knollen als Grundnahrungsmittel dienen, verzehren Menschen Kartoffeln von der Kindheit an bis zum Grabe  -- jahrzehntelang.

   Ähnlich wie beim Brot muss Schadstofffreiheit wegen der enormen Mengen, die Menschen im Laufe ihres Lebens vertilgen, garantiert sein.

   Müsste garantiert sein, ist es aber im Fall der Kartoffel nicht.

   Während die Folgen einer akuten Vergiftung mit Glykoalkaloiden wie Solanin bestens bekannt sind, ist die langfristige Folge niederschwelliger Vergiftung weithin unbekannt, weil unerforscht.

   Wer hofft, dass Forschung allein dem Ideal der Wissensmehrung dient, muss im Falle der Kartoffel mit dem Einfluss massiver Wirtschaftsinteressen rechnen.  Beispielsweise ist das grosse Kartoffelforschungsprogramm der Cornell University bekannt dafür, dass es hauptsächlich für die Fastfood-Industrie arbeitet.  Das Internationale Kartoffelzentrum CIP in Lima, Peru, preist – wie so viele andere Akteure des Sektors –  die welternährende Rolle der Andenknollen und bleibt, was die schädlichen Nebenwirkungen anlangt, schmallippig..

   Sobald ein negativer Aspekt des Kartoffelverzehrs bekannt wird, finden sich auch Studien, die das Gegenteil beweisen.

   Will man die langfristige Wirkung von Glykoalkaloiden auf die menschliche Gesundheit erörtern, so wird gesagt, dass dank Züchtung der Gehalt der Knollen an diesen Schadstoffen im Laufe der Jahrzehnte verringert werden konnte. Das ist richtig. Aber gleichzeitig hat sich die Lebenserwartung zumindest in entwickelten Ländern massiv erhöht, so dass heutige Generationen von Kartoffelessern viel länger diesen Schadstoffen ausgesetzt sind als ihre Vorgänger.

   Kein Wunder, dass die Welt aufhorchte, als eine typische Alterskrankheit, die rheumatische Arthritis, als von Solanin betroffen genannt wurde.

Was sind Nachtschattengewächse? Diese Lebensmittel enthalten große Mengen an Alkaloiden, die die Gesundheit der Gelenke und die Muskelbewegung beeinträchtigen. Alkaloide sind chemische Substanzen, die wie natürliche Pestizide wirken und Entzündungen und Stress verursachen können. Eine Art von Alkaloid in Nachtschattengewächsen heißt Solanin, das die Fähigkeit hat, ein wichtiges Enzym in den Nervenzellen zu blockieren. Dies führt zu Gelenksteifigkeit und Gelenkschmerzen.

  Dass die Deutschen mit ihrem hohen Kartoffelverbrauch besonders unter Arthritis-Schmerzen leiden, überrascht nicht.  Dass Arthritisbeschwerden durch Solanin verstärkt werden können, ist nur ein Aspekt. Wichtiger ist wahrscheinlich die Auswirkung von Solanin auf chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (CED):

Eine Störung der Integrität der Epithelbarriere spielt eine wichtige Rolle bei der Auslösung und Verursachung von entzündlichen Darmerkrankungen (IBD). Glykoalkaloide (GA), Solanin (S) und Chaconin (C) sind von Natur aus in Kartoffeln enthalten, können cholesterinhaltige Membranen permeabilisieren und zu einer Störung der Integrität der Epithelbarriere führen. Durch das Frittieren von Kartoffeln werden die Glykoalkaloide konzentriert. Interessanterweise ist die Prävalenz von CED in den Ländern am höchsten, in denen der Konsum von frittierten Kartoffeln am höchsten ist.

... Die Störung der Integrität der Epithelbarriere durch GA könnte eine wichtige Rolle bei der Auslösung von entzündlichen Darmerkrankungen bei anfälligen Personen spielen. Um diese Hypothese zu testen, behandelten Patel et al. (2002) homozygote IL-10-Gen-defiziente Mäuse mit offener Enterokolitis 21 Tage lang mit einer 1:1-Mischung aus a-Chaconin:a-Solanin in einer Dosis von 3 mg/kg Körpergewicht pro Tag über das Trinkwasser. Diese Behandlung verschlimmerte die durch die pathohistologische Diagnose ermittelte Darmschädigung, während bei den Kontrolltieren keine Wirkung festgestellt werden konnte.

 Schwerwiegend sind auch mögliche Einflüsse von Solanin auf das zentrale Nervensystem des Menschen:

Αlpha-Solanin (α-Solanin) ist ein in der Kartoffel (Solanum tuberosum) vorkommendes Glykoalkaloid. Es ist wegen seiner Toxizität und seiner potenziellen teratogenen Wirkungen, zu denen Anomalien des zentralen Nervensystems wie Exenzephalie, Enzephalozele und Anophthalmus gehören, von besonderem Interesse.

   Neben dem Solanin sind auch andere Schadstoffe der Kartoffel von Bedeutung:

Teile der Kartoffel können das Glykoalkaloid Solanin sowie andere verwandte Glykoalkaloidverbindungen enthalten. Solanin wird nur in geringem Maße in den Blutkreislauf aufgenommen, wird im Darm zu einem weniger toxischen und kaum absorbierten Produkt hydrolysiert und schnell mit dem Stuhl und dem Urin ausgeschieden. Kartoffeln enthalten auch Oxalsäure, Arsen, Gerbstoffe und Nitrat.(1) Medizinische und toxikologische Studien haben sich hauptsächlich mit Solanin befasst, so dass wenig über die potenzielle Toxizität anderer Glykoalkaloide bekannt ist; dieser Mangel an Informationen hat zu einigen Zweifeln an der Toxizität von Solanin beigetragen.(2) Da der Glykoalkaloidgehalt von Kartoffeln variieren kann, werden bestehende und neu entwickelte Sorten auf ihren Alkaloidgehalt überwacht.

   Noch ist die Langzeitwirkung des Kartoffelverzehrs wenig erforscht. Mehr zu wissen wäre sinnvoll. Vor allem sind Anstrengungen zur öffentlichen Bewusstseinsbildung erforderlich. Zu lange schon hat man sich mit der Annahme "Unsere Kartoffeln sind gut!" ausgeruht.

   Vielleicht wäre es an der Zeit, angesichts der gestiegenen und weiter steigenden Lebenserwartung die Rolle der Kartoffel als Grundnahrungsmittel zu überdenken..

 

 

Heinrich von Loesch

 

Weitere Quellen:

 

  • Symptome, die häufig mit einer Reaktion auf Solanazeen verbunden sind:
    - Chronische Gelenkschmerzen
    - Muskelsteifheit und/oder Müdigkeit
    - Arthritis - Entzündung der Gelenke
    - Langsame Heilung
    - Schlaflosigkeit
    - Reizung des Magens und gastroösophagealer Reflux
    - Migräne

Zustände, die mit einer Reaktion auf Solanin in Zusammenhang stehen können:

- Schilddrüsenprobleme
- Osteoporose
- Arthrosklerose
- Permeabler Darm/Reizdarm-Syndrom
- Depression, Angstzustände, Konzentrationsprobleme
- Blinddarmentzündung

 

 

  • Solanin hat eine hemmende Wirkung
    gegenüber Cholinesterasen (Harries et al., 1962; McGchee et al.,
    2000). Es hilft bei der Aufspaltung von Acetylcholin in Acetyl und Cholin
    indem es die schnelle Produktion von Acetylcholinesterasen hemmt, wodurch es
    den Acetylcholinspiegel, einen Neurotransmitter aufrechterhält und
    letztlich Alzheimer behandelt..

 

  • Die Behandlung einer Solaninvergiftung besteht im Ausgleich von Flüssigkeits- und Elektrolytverlusten; außerdem können Antikonvulsiva (Diazepam oder Paraldehyd) erforderlich sein. Nicht weniger wichtig ist die Vermeidung einer unangemessenen Behandlung (z. B. bei vermuteter bakterieller Enteritis oder akuter Blinddarmentzündung), d. h. eine rasche Diagnose anhand der Anamnese und der Symptome, die durch einen negativen Labortest auf eine Infektion gestützt wird. Die Diagnose kann dann durch die Untersuchung der verbleibenden Kartoffeln oder Kartoffelabfälle bestätigt werden. Möglicherweise ist eine unerkannte leichte Solaninvergiftung die Ursache vieler leichter "Gastroenteritis"-Episoden. Vielleicht führt eine stärkere Sensibilisierung für diese Möglichkeit zu weiteren Meldungen.

  • "Einige Experten sind der Meinung, dass diese Gemüse eine wirksame Nährstoffmischung enthalten, die dazu beiträgt, Arthritisschmerzen zu lindern.
    "Wenn Sie also bemerken, dass Ihre Arthritisschmerzen nach dem Verzehr von Nachtschattengewächsen aufflackern, sollten Sie diese für einige Wochen aus Ihrem Speiseplan streichen, um zu sehen, ob dies einen Unterschied macht.
    "Dann fügen Sie sie langsam wieder zu Ihrer Ernährung hinzu, um zu sehen, ob sich die Symptome verschlimmern oder gleich bleiben.

  • Die Ergebnisse der Analyse von 52 Heimtierfutterproben zeigen, dass beide Glykoalkaloide in allen Proben vorhanden sind und dass zwei Heimtierfuttermittel > 100 μg/g Gesamtglykoalkaloid enthalten.