Es gibt ein Italien, das radelt, und ein Italien, das bremst

   Alvise, ein italienischer Freund, sagt in Richtung suf den Recovery Fund, mit dem Europa Italien helfen will:   Ich würde Italien kein Geld geben. Das wird verloren gehen.

   Italiens Medien berichten, wie sich die Mafias darauf vorbereiten, den goldenen Segen aus Brüssel abzugreifen. Seit Wochen werden Firmen, die wegen der COVID-Einbussen in Schwierigkeiten gekommen sind, von den Mafias becirct, deren Geld zu nehmen. Cosa Nostra, Ndrangheta, Camorra, Sacra Corona Unita & Co suchen stets nach Gelegenheiten zur Geldwäsche, und die Schieflage zahlreicher Firmen bietet ihnen dazu unverhoffte Möglichkeiten. Italiens Justiz beobachtet das Geschehen und wendet in steigendem Umfang ein Gesetz an, das es ermöglicht, Mafia-infizierte Firmen von staatlichen Aufträgen auszuschliessen.

   EinVersuch, die vom Recovery Fund zu finanzierenden staatlichen Aufträge den Mafias vorzuenthalten. Längst sind die kriminellen Gesellschaften nicht mehr auf den Süden beschränkt, auf Kalabrien, Kampanien, Sizilien und Apulien; inzwischen dominieren sie auch industrielle Länder des Nordens; Lombardei, die Aemilia und Ligurien. Während Italiens Öffentlichkeit grosse Hoffnungen an den Recovery Fund knüpft und eine Art von froher Erwartung herrscht, bereiten die Mafias ihren Fischzug vor.

   Doch die organisierte Kriminalität ist nur eines der Probleme Italiens; wahrscheinlich sogar ein kleineres. Das grösste Problem ist die Ineffizienz der öffentlichen Verwaltung und allsr staatlichen oder parastaatlichen Monopole und Oligopole. Ein Beispiel:

   Vor etlichen Jahren starteten Chinesen in Italien eine Mobiltelefon-Firma namens 3it. Preiswert und zuverlässig etablierte sie sich schnell im Markt. Irgendwann jedoch schien den Chinesen das Unternehmrn in Italien nicht lukrativ genug und sie verkauften an den italienischen Konkurrenten WIND in Kombination mit einem ägyptischen und anderen Investoren.

    Kaum waren die Italiener am Ruder, gab es Probleme. Der Dienst wurde kompliziert, teurer und unzuverlässiger, Zu Spitzenzeiten ist das Netz selbst in Stadtzentren sehr langsam oder bricht stundenweise zusammen.

   Ein anderes Beispiel: Der grosse italienische Gasversorger ITALGAS hat schon 2005 alle Beratungsstellen geschlossen und erlaubt Kunden und Installateuren nur noch, sich per FAX oder Email zu melden. Es gibt zwei Hotlines für ganz Italien: eine für Explosionsgefahren, und eine für alles andere. Letztere ist nicht etwa mit Technikern besetzt, sondern führt in ein Call Center. Je nach Laune oder Andrang werden Anrufe gleich weggeklickt oder von Leuten beantwortet, die ein wenig oft falschen Rat spenden, aber keine Entscheidungen treffen können. Um den Erfolg einer Reparatur nach einer Schadensmeldung an ITALGAS zu übermitteln, muss ein Installateur einen mehrseitigen Fragebogen ausfüllen und seine Zulassungsdokumente beifügen – deshalb die antike Übermittlung per FAX. In Italien ist eben alles kompliziert und bürokratisch, seufzt der Installateur.

   In der Tat: beim Übergang von der analogen zur digitalen Verwaltung ist alles noch komplizierter geworden. Ohne eine italienische Email-Adresse (ausländische landen im Spamfilter) und ohne ein italienisches Handy (ausländische werden nicht erkannt) lässt sich der Alltag in Italien nur mehr als voll digitaler Italiener bewaltigen. Kein Wunder, dass Millionen ständig auf ihr Smartphone glotzen. Alte und digital Unbegabte bleiben aussen vor.

   So tüchtig und kreativ die italienischen Radler immer noch sind, die Bremser bleiben ihnen auf den Fersen, dank ihrer bewährten Fähigkeit, selbst einfachste Vorgänge zu komplizieren und die Komplikationen als Fortschritt zu deklarieren.  Die Bürokratisierung soll verhindern, dass Kriminelle und furbi Vorteile erheischen. Furbi sind Schlaumeier, die es in Italien zahlreich gibt, und deren furbizia als besonderer Erfolg dank überlegener Intelligenz gilt.

   Kein Wunder, dass Ausländer in diesem Bremsgeflecht der Inkompetenz und Bürokratisierung Chancen erspähen und sie wahrnehmen, meist zur Überraschung und zum Missvergnügen der Italiener, vor allem der Gewerkschaften und anderen Interessenverbände. Ausländische Investoren zu vertreiben ist schon seit einem halben Jahrhundert ein Lieblingssport der Gewerkschaften, für die jeder ausländische Investor a priori ein Ausbeuter ist, dem man das Handwerk legen muss.

   Wer sich in diesem fremdenfeindlichen Klima nicht entmutigen lässt und durchsetzt, sind vor allem die Chinesen. Von der chinesischem Textilindustrie in Prato bei Florenz bis zu den Abertausenden China-Lädchen für Haushaltswaren, Spielzeug, Tinnef aller Art und Billigtextilien haben sich die Chinesen mit Fleiss und Zähigkeit einen schönen Anteil an Italiens Wirtschaft erarbeitet. Die offizielle Seidenstrassen-Ideologie gibt ihnen Rückenwind aus Peking. Triest, Ancona, Tarent und Genua sind Häfen, um deren Kontrolle sich chinesische Konzerne bemühen. Wie schon erfolgreich in Griechenland praktiziert, lockt China  mit seinen Investitionen vor allem, wenn es einem Land wirtschaftlich schlecht geht.

   Wenn man so will, ist Italiens Anteil am Recovery Fund eine Art Anti-China-Programm. Es könnte sein, dass Brüssel die Angst umtreibt, dass das Covid-geschwächte Italien wie Griechenland in die Seidenstrassen-Gemeinschaft abgleitet, wenn Europa nicht dagegen hält.

   Dabei stellt sich allerdings die Frage, ob Italien nicht zu seiner Rettung ausgerechnet die Chinesen braucht. Ein Beispiel: An der Via della Magliana in Rom, einem eher ärmlichen Viertel aus den 1960er Jahren, lebt ein buntes Völkergemisch. Asiaten, Afrikaner, Roma und Araber zu etwa gleichen Teilen mit Italienern.

   Ein kleiner Platz mit einem Denkmal, das wie ein Bombensplitter aussieht. Eine Cafébar-Imbiss mit ein paar Tischen vor der Tür. Vor drei Jahren gab der italienische Besitzer auf. Er konnte sich nicht durchsetzen gegen die Araber und Roma, die die Tische einnahmen, wenig konsumierten und dort ihre Geschäfte abwickelten. Kein Platz mehr übrig für die italienischen Kunden. So verkaufte er an Chinesen.

   Sie kamen mit kräftigen jungen Männern, die von den lokalen Baristas das Metier und die Fachsprache lernten. Zwar blieben die italienischen Baristas, aber hinter der Kasse sass nun eine Chinesin. Drei Jahre später arbeitet nur noch ein Italiener hinter der Bar, sorgt für die bewährte Qualität. Das Viertel hat sich mit den Chinesen arrangiert, die immer korrekt sind und selten lächeln. Man schätzt die Sauberkeit. Die Roma sind verschwunden, die Araber weniger zahlreich; dafür haben sich alte Damen des Quartiers wieder etabliert.

   Wenn man eine solche Entwicklung beobachtet, frägt man sich, ob Italien zu seiner wirtschaftlichen Gesundung nicht vor allem Chinesen braucht, eine massive chinesische Unterwanderung. Nur sie bringen die Geduld, die Zähigkeit und den Fleiss auf, um sich gegen die Bremser durchzusetzen. Sie lernen die Sprache, sie sind bereit, sich den lokalen Gepflogenheiten anzupassen. Ein chinesischer Espresso lässt sich von einem italienischen nicht unterscheiden.

   Will man wie Freund Alvise Italien lieber kein europäisches Geld geben, dann bleibt nur die Wahl, die Griechenland erlebt hat: die Troika. Von Brüssel und Frankfurt unter Kuratel gestellt zu werden ist der Alptraum aller italienischen Regierungen, auch der gegenwärtigen Conte II. Ein so grosses, so wichtiges Land darf sich nicht entmündigen lassen, das ist Roms Credo, egal welcher Partei man zuhört,

   Gibt es denn keine Alternative zur Troika? Vielleicht doch, wenn man seinen Nationalstolz wegsteckt und Ausländer ins Land holt, Chinesen zum Beispiel, die der lahmen Wirtschaft auf die Beine helfen.

   Weitgehend unbemerkt hat die Regierung dafür die Weichen gestellt. Die neue Einwanderungspolitik ist das genaue Gegenteil der fremdenfeindlichen Hasspolitik der Regierung Conte I, die von Matteo Salvini und der Lega dominiert wurde.

   Die neue Einwanderungspolitik versteht Migranten als eine Bereicherung. Sie bringen durch ihre Arbeit jährlich eine halbe Milliarde Euro mehr Steuern ein als der Staat für ihre Betreuung ausgibt, hat das Statistikamt ISTAT errechnet.

   Italien besitzt die am stärksten schrumpfende Bevölkerung Europas. Also ist Einwanderung vonnöten, denken vor allem die derzeit dominierenden Sozialdemokraten. Da uns die Einwanderer frei Haus geliefert werden, wollen wir sie aufnehmen und gleichmässig im Land verteilen, damit sie sich möglichst schnell in die italienische Gesellschaft integrieren. Keine Flüchtlingslager mehr, keine Arbeitsverbote! Stattdessen Sprachkurse und Integrationshilfen.

   Diese neue. positive Einwanderungspolitik ist wegweisend für Europa. Sie folgt dem Vorbild der USA, wo während Jahrhunderten die Einwanderung unterstützt wurde und das Land dadurch zur Weltmacht Nunmer Eins aufstieg.

   Durch die spektakuläre Wende hat Italien Druck sus dem europäischen Konflikt um die Verteilung von Flüchtlingen und Migranten genommen. Gleichzeitig aber besteht die Gefahr, dass der einwanderungsfeindliche Teil der Italiener den Schwenk übelnimmt und die Linke bei den nächsten Gelegenheiten abstraft.

   Immerhin ist es der Regierung erst einmal gelungen, eine einwanderungsfreundliche Politik als echte Alternative zur europäischen Abschottung in den Raum zu stellen. Vielleicht gelingt es, einen Teil der Xenophoben zum Nachdenken zu bewegen. Vielleicht wären sie doch bereit, das langfristig Unvermeidliche zu akzeptieren, wenn es in die richtigen Bahnen gelenkt und in einen Bonus für die lahmende Wirtschaft verwandelt wird. Die nächsten Monate und Wahlen werden zeigen, ob Roms kühnes Experiment gelingt.

Benedikt Brenner