Endlich ist Afghanistan geeint und friedlich – ein seltener Moment in der Geschichte dieses Landes. Eine kleine Streitmacht von rund 80.000 Kämpfern überwiegend paschtunisch-sunnitischer Herkunft hat vollbracht, woran die Gotteskrieger bisher scheiterten: alle inneren und äusseren Feinde zu besiegen.

Ist Deutschland noch im Krieg?  Muss Deutschland Reparationen an die neue Regierung zahlen? Deutschlands (ehemaliger) Botschafter in Afghanistan,  Markus Potzel , verhandelt mit Taliban im neutralen Doha. Warum nicht in Kabul?  Weil er als Vertreter einer feindlichen Macht, die jahrelang gegen die Taliban Krieg geführt hat, verhaftet werden könnte.

Aus Sicht der neuen Taliban-Regierung hat Deutschland – zusammen mit den NATO-Partnern -- einen Angriffskrieg gegen die Taliban geführt und verloren. Als Verlierer schuldet Deutschland Reparationen für die Kriegstoten, zivilen Opfer und Schäden, die seine Besatzung im Norden des Landes angerichtet hat. Man denke an Milliarden, nicht Millionen.

Ist  Markus Potzel der richtige Mann für solche Gespräche?  Müsste nicht der Aussenminister selbst in Doha antreten? Es gilt, Frieden zu schliessen und wieder diplomatische Beziehungen aufzunehmen. Deutschlands Interessen in Afghanistan sind derzeit schutzlos und könnten als Reparationen verstaatlicht werden.

   In Islamabad wird gefeiert, denn die vom pakistanischen Geheimdienst in zäher Arbeit aufgebaute Armee der Koran-Studenten hat im Nachbarland obsiegt und damit Pakistan einen Satelliten beschert, der im Dauerzwist mit dem Rivalen Indien willkommene Vorteile bietet: dank der Kriegserfahrung und der  modernen Ausrüstung, die Afghanistans einstiges Militär den Taliban kampflos überliess, bedeutet das neue Afghanistan eine enorme Verstärkung für Pakistans Streitkräfte.

   So ist nun in dem an Gottesstaaten bereits reichen Mittleren Osten eine weitere Theokratie auferstanden: es bestätigt sich, dass dies die für diese Weltgegend erfolgreichste Staatsform ist, weil sie dem Lebensgefühl der Mehrheit ihrer Einwohner entspricht.

   Während Pakistan den Erfolg seiner Proxies nebenan feiern kann, dürfte der schiitische Iran furchtsam und wenig begeistert sein. Kaum hatte man den sunnitischen Extremismus des Islamischen Staats in Irak und Syrien besiegt, da vereinnahmt eine andere sunnitische Islamistengruppe erneut ein ganzes Nachbarland und bedroht den Südosten Irans.  Die Provinz Belutschistan beherbergt eine aufsässige sunnitische Bevölkerung, die eng mit ihren paschtunischen Stammesbrüdern in Afghanistan und Pakistan verflochten ist und vom Erfolg der Taliban profitieren könnte.

   Die verzweifelte Flucht vor den Taliban wird die bereits existierende afghanische Diaspora in zahlreichen Ländern stärken . In den USA wird sich wiederholen, was bereits nach den libanesischen, vietnamesischen und somalischen Kriegen geschah: Amerikas Speisezettel wird sich um zahlreiche afghanische Restaurants erweitern. Vielleicht wird es sogar afghanische Dörfer und shopping centers geben, wo man afghanischen Stil, Kultur und Karaoke geniessen kann.

   Afghanistans Geschichte lehrt, dass der gegenwärtige Zustand von Einheit und Frieden nicht dauern kann.  Sobald sich die Stämme von der Verblüffung über den Kollaps des Westens und der Regierung erholt haben, werden sie überlegen, ob sie auf Dauer von den Taliban beherrscht werden wollen.  Es wird sich zeigen, ob es den Taliban diesmal gelingen wird, die Macht zu behalten. 

Ihsan al-Tawil

 Update

 

   Afghanistan kehrt zusehends zur Normalität zurück. Die Stämme erheben Anspruch auf die Macht, Widerstandsgruppen formieren sich, und terroristische Gruppen bombardieren. Die Taliban kämpfen sichtlich darum, die Kontrolle zu behalten und ein Abgleiten in den üblichen Bürgerkrieg zu verhindern. Nachbar Indien betrachtet die Entwicklung mit Belustigung.

   Für den Westen ist es erschreckend offensichtlich, wie stark jetzt die nationalen und die internationalen radikal-islamischen Terrororganisationen in Afghanistan präsent sind und - schlimmer noch - wie untrennbar sie mit den Taliban verwoben sind: IS, al-Qaeda, das Haqqani-Netzwerk, usw.

   Zusammen mit den Taliban sind die Terroristen jetzt obenauf. Im Prinzip wissen die Geheimdienste zwar, wo sich al-Qaeda-Chef Aiman al-Zawahiri & Co. verstecken, aber Präsident Joe Biden hat aus Angst vor zivilen Opfern und der Rache der Taliban bislang nicht den Mut, mit seinen Drohnen in großem Stil zu bombardieren. Aber das kann sich ändern.

   So erweist sich der ganze Afghanistan-Krieg im Nachhinein als nutzlos. Er begann, weil Mullah Omar, der Gründer der Taliban, der Al-Qaeda und Osama bin-Laden Gastfreundschaft gewährte. Jetzt, nach zwei Jahrzehnten Krieg, sind die Terroristen und ihre jüngeren Ableger immer noch da und besser integriert als zuvor.

   Nun hofft der Westen, dass es ihm gelingen wird, die Taliban und ihre terroristischen Brüder wirtschaftlich auszuhungern.

   Das ist ein naiver Traum: Die Koranstudenten haben längst gelernt, sich durch Steuereinnahmen in den von ihnen kontrollierten Gebieten und durch die weltweit größte Drogenproduktion zu finanzieren, mit der sie über die Nachbarländer den Weltmarkt beliefern. Dass diese Einnahmen nicht ausreichen, um den öffentlichen Dienst zu finanzieren und die Bevölkerung zu ernähren - tant pis - dann regiert man eben mit dem Maschinengewehr und dem Schwert und hungert. Ein oder zwei Millionen Hungertote würden die Taliban vermutlich ebenso wenig erschüttern wie zum Beispiel das Regime in Nordkorea. Hauptsache ist, dass Scharia und mittelalterliche Frömmigkeit auf Erden herrschen.

   Der Westen regt sich derzeit über das Verbot für Frauen auf, außerhalb des Hauses zu studieren und zu arbeiten. Die Taliban kennen dank des enormen Bevölkerungswachstums der letzten Jahrzehnte ein ganz anderes Problem, nämlich Millionen junger Männer, meist Analphabeten, von denen viele nichts anderes gelernt haben als zu kämpfen, für die man irgendeine Arbeit, eine Rolle in der Wirtschaft finden muss, damit sie nicht anfangen zu marodieren oder in die Kriminalität abrutschen. Jede Frau, die nicht mehr arbeiten darf, kann einen Arbeitsplatz für einen Mann frei machen. Zum Beispiel in Krankenhäusern. 

   Ausbildung? Wozu? Alles Wissen der Welt steht im Koran und in den Hadithen; eine Koranschule reicht fürs ganze Leben. .