Seit 1950 ist ein historisch beispielloses Wachstum der Menschheit im Gange. In den  Entwicklungsländern hat sich seither die Bevölkerung vervielfacht: in Somalia beispielsweise von 2,2 Millionen 1950 trotz Auswanderung auf 10,5 Millionen 2014, also fast verfünffacht. Bei durchschnittlich 6,5 Kindern pro Frau dürfte sich die Zahl der Somalis in 18 Jahren erneut verdoppeln.

   Deutschlands Bevölkerung -- Westen und Osten zusammen -- stieg trotz Zuwanderung von 1950 bis heute von 70 auf 80 Millionen, also nur um 14 Prozent. Ähnlich entwickelte sich die Demografie in anderen Ländern Europas.

   Praktisch betrachtet baute sich also seit der Mitte des letzten Jahrhunderts ein enormer Bevölkerungsdruck ausserhalb Europas auf, der sich gegenwärtig in Form einer Flüchtlings- und Migrationskrise manifestiert.  Doch auch innerhalb Europas findet eine Bevölkerungsbewegung vor allem von Südosten in Richtung Westen statt, die von der bayerischen Regionalpartei CSU nicht zu Unrecht "Völkerwanderung" genannt wurde.

Die Bevölkerungskrise der Balkanstaaten

   Man mag zunächst einwenden, dass die Einwanderung vom Balkan nicht demografisch bedingt sei, doch ein Blick in die Statistik zeigt den Zusammenhang. Rumäniens Einwohnerzahl stieg von 16 Millionen 1950 auf das Maximum von 23 Millionen 1990,  um seither kontinierlich abzunehmen auf knapp 20 Millionen 2014.  Die Fruchtbarkeit fiel von 428 000 Geburten 1974 auf 198 000 Geburten 2014.

   Anders die Entwicklung in Albanien: auch hier nahm die Bevölkerung seit 1989 um 12 Prozent ab, obwohl die Geburten nach wie vor die Todesfälle leicht übersteigen. Das Schrumpfen der Bevölkerung erklärt sich daraus, dass nach dem Sturz des Kommunismus ein Fünftel bis ein Viertel der Albaner ausgewandert sind.

   Die Bevölkerungskrise der Balkanstaaten lässt sich als ein Malthusischer Nachholeffekt verstehen. Die kommunistischen Regimes hatten zwecks Machtgewinn jahrzehntelang das Bevölkerungswachstum mit allen Mitteln einschliesslich der Behinderung von Familienplanung forciert. Dadurch strapazierten sie die verfügbaren Ressourcen ihrer Länder und schwächten die Wirtschaft bis sie kollabierte. Nach der Wende entfielen die natalistischen Anreize und Zwänge: die Fruchtbarkeit stürzte ab und die Massenemigration begann.

   Die osteuropäische Auswanderung bewirkt, dass Menschenzahl und wirtschaftlicher Rahmen besser aufeinander abgestimmt werden. Diese Korrektur und die Remittenten der Ausgewanderten steigern nicht nur das Pro-Kopf-Einkommen der im Lande Gebliebenen; die Auswanderer finanzieren auch Investitionen in Immobilien und Kleinbetriebe.

   Die innereuropäische Wanderung wird mittelfristig enden, weil die Bevölkerungen nicht mehr wachsen. Selbst im mehrheitlich islamischen Albanien ist das natürliche Bevölkerungswachstum fast zum Stillstand gekommen.

Zuwanderung von ausserhalb Europas

    Ganz anders präsentiert sich die aussereuropäische Umwelt. Schon die Türkei mit ihren 77 Millionen Einwohnern verzeichnet pro Jahr eine Zunahme von fast einer Million Menschen bei einer seit 2011 erneut steigenden Fruchtbarkeit. 

   Im benachbarten Syrien wütet zwar der Bürgerkrieg, aber die Kriegsverluste sind niedriger als der natürliche Bevölkerungszuwachs, der bei einer Fruchtbarkeit von über 3 Kindern je Frau in den letzten Friedensjahren bei rund 400.000 pro Jahr lag.  Auch bei den Flüchtlingen und in den Lagern dürfte die Fruchtbarkeit weiterhin hoch sein. Während die inländische Bevölkerung 2014 wegen Kriegseinwirkung auf geschätzte 18 Millionen zurückging, bezifferte sich die Zahl der Flüchtlinge ausserhalb des Landes auf mindestens 4 Millionen, Tendenz steigend.

   Ende August 2015 teilte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge mit, dass syrische Asylbewerber nicht mehr in andere EU-Länder zurückgeschickt werden. Das Dublin-Verfahren wird ausgesetzt. Syrer dankten Deutschland für diese Entscheidung und feierten Angela Merkel im Internet.

   Dies ist eine ebenso unumgängliche wie folgenschwere Entscheidung. Allein in der Türkei halten sich derzeit 2 Millionen Syrer auf, die Hälfte davon Kinder. Fast alle betrachten die Türkei als Durchgangsstation auf dem Weg nach Europa, vor allem nach Deutschland.

   Im Laufe des Jahres 2015 wurden den Flüchtlingen die wichtigsten Hindernisse und Gefahren aus dem Weg geräumt. Vor der Küste Libyens ist eine Vielzahl von Rettungsschiffen aktiv, ebenso vor den griechischen Inseln. Die Türkei, Griechenland, Mazedonien und Serbien lassen die Migranten Richtung Ungarn passieren. Der neuen ungarischen und bulgarischen Grenzzäune scheinen mehr ein finanzielles als ein physisches Hindernis zu sein.

   Es gibt also für die Auswanderungswilligen immer weniger Gründe, zu zögern. Während Grossbritannien seine Insellage benutzt, um sich zu verschliessen, hat Deutschland die Logik seiner zentralen Lage erkannt und seine Tore weit geöffnet, zunächst nur für die Syrer. Bald wird das auch für Iraker, Eritreer und Afghanen gelten.

Die Tore weit geöffnet

 Die Konsequenz ist klar: Der Strom der Flüchtlinge wird nicht abreissen. Im Gegenteil. Noch glauben die Deutschen, die sogenannte "Flüchtlingskrise" sei ein Notfall, ein durch den Bürgerkrieg in Syrien, die Niederlage des Westens in Afghanistan und die Tyrannis in Eritrea ausgelöstes Phänomen, auf das man mit Empathie und Improvisationsbereitschaft reagieren müsse, in der stillschweigenden Annahme, dass sich die Dinge bald wieder "normalisieren" würden.

   Noch werden Notunterkünfte gezimmert, Flüchtlinge auf Landkreise verteilt, Bedürftigkeitsbescheinigungen von Sozialämtern vergeben. Die spontane Hilfsbereitschaft lässt Deutschland sympathisch erscheinen: ein verlässlicher Anker im Meer der Not und Hilflosigkeit.

   Noch wird nicht erkannt, dass es sich gegenwärtig nur um eine erste Phase im europäischen Flüchtlingsdrama handeln kann. Schon der Winter wird echte Probleme bringen, wenn Zelte und aufblasbare Hallen nicht mehr zweckmässig sind.

   Was wird passieren, wenn im kommenden Jahr weitere 800.000 oder mehr Migranten ankommen? Wenn Jahr um Jahr trotz Abschiebungen Einwanderung in dieser Grössenordnung stattfindet und Deutschlands Bevölkerung statt zu schrumpfen -- wie bislang populär erwartet wird -- wächst?

   Da helfen keine leeren Turnhallen mehr, keine umgewidmeten Kasernen. Die Migranten wollen nicht nach Buxtehude oder Dimpfelfing, wo es vielleicht leerstehenden Wohnraum gibt. Sie wollen in die Zentren, wo es Arbeit gibt, wo Landsleute schon wohnen, wo man halal kochen und Berbere kaufen kann.  Man wird neue Häuser für sie bauen, neue Schulen für ihre zahlreichen Kinder einrichten müssen. Ihre Bedürfnisse werden einen Wachstumsschub auslösen. Die Trupps junger Männer südlicher Herkunft auf Fahrrädern wird man überall sehen.

   Die Einwanderer bringen je nach Herkunftsland unterschiedliche Verhaltensweisen mit sich. Eritreer, Bangladeshi und teilweise auch Westafrikaner sind in der Regel einzelne junge Männer, anspruchslos, unternehmungslustig und integrationswillig, speziell die mehrheitlich christlichen Eritreer und Äthiopier. Nigerianerinnen werden mit Haushalts- und Pflegejobs nach Europa gelockt, um dann leider auf dem Strich zu landen. Somalierinnen träumen gerne von einem Job als Fotomodell oder Mannequin.

Problematische Brüder

   Problematischer sind die Migranten aus arabischen Ländern, besonders Syrien, Irak und Ägypten. Sie kommen meist mit der Familie und viele von ihnen sind Moslembrüder oder stehen ihnen nahe. Die sogenannten "moderaten" Moslembrüder sind dem Assad-Regime besonders verhasst und daher überproportional unter den Flüchtlingen vertreten. In Ägypten werden sie als Terroristen verfolgt.

   Die Brüder und ihre Sympathisanten bringen ihr ziviles und religiöses Gepäck mit sich, das ihre Integration erschwert. Viele verstehen sich auch im Ausland als Kämpfer (im Internet) gegen Assad in Syrien, Haider al-Abadi im Irak oder al-Sisi in Ägypten.  Ihre Lebensart konserviert Machismus und Absonderung der Frauen, Frühehe im Familien-Umkreis, zahlreichen Nachwuchs und oft auch Bildungsfeindlichkeit (Alle Antworten finden sich ja im Koran).

   Der Fremdenfeindlichkeit bei einem Teil der Bevölkerung des Gastlandes entspricht oft eine Xenophobie unter den Einwanderern, die den Lebensstil und das Selbstverständnis des Gastlandes als unrichtig, ja absurd empfinden und sich und die Ihren dagegen abriegeln, so weit das möglich ist.

   Obwohl etwa ein Drittel der syrischen Bevölkerung nicht der arabisch-sunnitischen Mehrheit angehört, steht doch ausser Zweifel, dass die Zukunft Syriens nach Assad zwischen den Moslem-Brüdern und den Dschihadisten-Salafisten entschieden wird, wobei der Westen nolens volens die Brüder unterstützen wird. Was nicht bedeutet, dass sie sich als Einwanderer in Deutschland sonderlich beliebt machen werden.

   Man braucht nur die überregionalen Gazetten und das Fernsehen zu betrachten, um zu sehen, dass Deutschland derzeit von einer Welle der Xenophilie überrollt wird.  So erfreulich das ist, bleibt doch der Zweifel, wie lange diese Phase dauern wird. Die Attentate und Proteste gegen Flüchtlingsunterkünfte sind nicht das Problem.  Die werden vergessen sein, sobald die lokale Bevölkerung erkennt, dass Flüchtlinge auch Menschen sind, vielleicht sogar nette und hilfreiche. Die Missgunst der an staatliche Hilfe gewohnten lokalen Unterschicht ist unvermeidlich und ein Dauerbrenner, der sich allenfalls in Wahlergebnissen niederschlägt -- soweit die Unterschicht überhaupt wählt.

Der wirkliche Test kommt noch

   Der wirkliche Test für Deutschland und die Deutschen kommt erst, sobald begriffen ist, dass massive Einwanderung keine "Krise" sondern den neuen Dauerzustand darstellt. Dann reichen ein paar unerfreuliche Ereignisse  --  ein Bombenattentat, ein Bandenkrieg, Ehrenmorde, Wohlfahrtsmissbrauch -- um die Stimmung kippen zu lassen.  Die Entwicklung in Grossbritannien zeigt, wie schnell populistische Politker und Unterschicht-Medien ein traditionell tolerantes Land xenophob machen können. Auch die Schweiz, in der bereits 1914 ein Viertel der Bevölkerung Ausländer waren, kann der neuen Fremdenfeindlichkeit, die von Blocher & Co propagiert wird, nicht widerstehen. Könnten die Deutschen widerstehen, falls Bild, Focus und RTL die Einwanderer als Zielscheibe entdecken?

Heinrich von Loesch

Update

    Wie schnell die Stimmung kippen kann, zeigt sich in Palagonia (Sizilien) wo ein 18-jähriger Ivoirer (Elfenbeinküste) ein älteres Ehepaar in seinem Haus ausgeraubt und ermordet hat. Der mutmassliche Täter, Mamadou Kamara, lebt im Cara di Mineo, einem selbstverwalteten (also von der Mafia betriebenen) Zentrum für über 3000 Migranten, nur zehn Kilometer von Palagonia entfernt.

   Eine Tochter des ermordeten Ehepaars Solana beschuldigt die italienische Regierung, verantwortlich für die Gräueltat zu sein, weil sie die Migranten ins Land gelassen hat. Die Stimmung in Palagonia ist scharf gegen die Migranten gerichtet, wie der Pfarrer, Don Michelangelo Franchino, der Huffington Post berichtet. Die Schwägerin der Opfer verlangt sogar, dass alle Migranten aus dem Land entfernt werden müssten, da es sonst zum Bürgerkrieg kommen werde. Diese Forderung wird voll unterstützt vom Chef einer grossen Oppositionspartei, der Nordliga, Matteo Salvini. 

   Er sieht die Schuld für das Verbrechen einzig und allein beim Staat. "Ein Flüchtling?" fragt er. "Vor welchem Krieg flüchtete denn dieser Kerl? Wenn er schuldig ist, dann soll er lebenslänglich bekommen, und zwar mit Zwangsarbeit!  Und das Zentrum von Mineo, eine Herberge für Illegale zu 100 Millionen Euro Kosten, muss sofort geschlossen werden! Die Invasion muss ohne Rücksicht auf die Kosten beendet werden," erklärt Salvini auf  Politico, und freut sich über eine Million "Gefällt mir!" auf Facebook. 

   Man sieht, wie schnell die Stimmung umschlägt und wie behend sich populistische Politiker das zunutze machen.

 PS: Wenige Stunden vor der Beerdigung des Ehepaars Solana wurden zwei Asylsucher aus Gambia ausserhalb des Cara di Mineo von drei lokalen jungen Männern mit Pistolen bedroht, geschlagen und ausgeraubt. Die Polizei von Palagonia verhaftete drei mutmassliche Täter. Eine gerichtsmedizinische Untersuchung ergab den bislang unbestätigten Verdacht, dass die siebzigjährige Ehefrau vor ihrem Tod vergewaltigt worden ist.

 

Update II

Städtetag sagt:  300.000 neue Wohnungen nötig wegen Flüchtlingen

Um alle Flüchtlinge unterbringen zu können, braucht es viele Tausend neue Wohnungen in Deutschland, schätzt der Städtetag. Und wer kommt, soll ab dem ersten Tag Deutsch lernen, fordern die Arbeitgeber.

Volltext:  Frankfurter Allgemeine 

 

Sollten die Wohnungen nicht gebaut werden, wo werden die Flüchtlinge wohnen? Unter den Isar- und Spreebrücken?

 

 

Es fängt schon an...

 

"Die Entscheidung von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) für eine Aufnahme der in Ungarn festsitzenden Flüchtlinge stößt auf scharfe Kritik der Schwesterpartei CSU."

Volltext:  Zeit online

-- ed

 

"Iulia Gonzaga, che dovunque il piede
volge, e dovunque i sereni occhi gira,
non pur ogni altra di beltà le cede,
ma, come scesa dal ciel dea, l'ammira"

Ariost, Orlando Furioso

   Fondi heisst das Städtchen im südlichen Latium, in dem Giulia Gonzaga, Witwe des Vespasiano Colonna,  Hof hielt mit Poeten, Künstlern und ihrem Kardinal-Liebhaber Ippolito de' Medici,  So berühmt war Giulias Schönheit, dass Barbarossa, der Korsar von Tunis, sie fangen und dem Sultan Suleiman dem Prächtigen in Konstantinopel bringen wollte. Er plünderte zwar Fondi und das nahe Sperlonga, doch Giulia war aus ihrer Burg in Fondi geflohen. Kaiser Karl V. nahm Rache und zerstörte Tunis, und Giulia kam um ihm zu danken.

   Fondi, ein Badeort an der Tyrrhenischen Küste, zwischen Rom und Neapel gelegen, ist in ganz Europa bekannt für etwas anderes: den MoF.  Der Mercato ortofrutticolo, der Obst- und Gemüsemarkt, ist einer der grössten dieser Märkte in Europa. Hier, im südlichen Latium, wird die Ware aus Süditalien umgeschlagen und in den Norden geschickt, nach Rom, Mailand, vor allem aber nach München und Hamburg.

   Fondi selbst ist der Hauptort des südlichen Agropontino, der fruchtbaren Küstenebene am Fuss der Aurunkischen Berge, die Rom mit Obst und Gemüse versorgt.

  Das alles wäre wenig erheblich, wenn Fondi nicht aus anderem Grunde berühmt -- oder besser: berüchtigt -- wäre. Seit Jahrzehnten gehört Fondi zu den Knotenpunkten der Mafia in Italien. Die Mafia von Fondi, beherrscht von der neapolitanischen Camorra und eng verflochten mit der Cosa Nostra von Sizilien und mit der 'Ndrangheta von Kalabrien, gedeiht vergnügt unter den Augen der Regierung in Rom und hat sich ihr eigenes Reich geschaffen.

  Schon in den siebziger und achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts beherrschte Fondi das Transportwesen für Obst und Gemüse von und nach Sizilien. Schon damals hiess es, dass die Mafia von Fondi und der Grossmarkt in München sich das Transportgeschäft auf der lukrativen Route Sizilien-Deutschland teilen. Tatsache ist, dass die Mafia des MoF prächtig abschöpft. Alle wichtigen Marken des Prestige-Konsums sind in Fondi mit Läden vertreten, und an hohen Tagen sind die Juweliere bis Mitternacht geöffnet, damit die Bosse ihre Damen beschenken können.  Damit die Besucher aus München nicht auf ihr Sauerkraut verzichten müssen, gibt es auch einen beliebten, mit viel Holz im Bauernstil eingerichteten Dachauer Gasthof -- Dachau ist Patenstadt von Fondi.

   Hinter der Kulisse von Wohlstand und Bonhomie sieht es freilich anders aus.

   Im November 2011 wurde ein Dutzend führender Mafiosi verhaftet, darunter grosse Namen wie Schiavone und Riina, die für das "Monopol auf Gummitransport von und nach Sizilien" verantwortlich erschienen. Mit den hunderten Lastzügen des "Clans der Casalesi" aus Casal di Principe bei Neapel lassen sich nicht nur Obst und Gemüse transportieren, sondern auch andere Geschäfte betreiben. Beipielsweise wurde 2006 ein Arsenal von Kalashnikovs, schweren Maschinengewehren "Breda", Raketenwerfern und Handgranaten samt tausenden Runden Munition ausgehoben, wie ein Online-Portal der Provinzhauptstadt Latina meldete.  Die Waffen stammten aus Bosnien und waren von korrupten italienischen Soldaten der Friedenstruppe in ihren Dienstfahrzeugen mitgebracht worden.  Unlängst wurde ein weiteres Arsenal beschlagnahmt, bestehend aus Kalshnikovs und Maschinengewehren der Marken Breda und Zaga aus Ex-Jugoslawien.

  Zahlreiche Verflechtungen gibt es zwischen der Cosa Nostra und den Casalesi. Die Mafia von Mazara und Corleone beispielsweise, die sich auf Wassermelonen und andere Produkte spezialisiert, bedient sich der Transportfirma «La Paganese», die den Casalesi gehört. So verdienen beide, ohne sich gegenseitig auf die Füsse zu treten. Bedenkt man, dass alle vielfältigen Strukturen des MoF gut verdienen wollen, dann wundert man sich nicht, dass die Preise für Obst und Gemüse in Rom und anderen Städten Italiens oft höher sind als in Deutschland.

   Nachdem die Rolle von Fondi als Zentrum der organisierten Kriminalität in Regierungskreisen im nahen Rom seit Jahrzehnten wohlbekannt ist, darf man fragen, warum dagegen nichts unternommen wird.  Aber ja, es wird etwas getan, wird im Innenministerium, dem Viminale, geantwortet! Es gibt ja seit 1991 ein Gesetz, das es dem Viminale erlaubt, von Mafia durchsetzte Stadtverwaltungen kurzerhand abzusetzen und die Stadt unter Zwangsverwaltung zu stellen.

   Seit mittlerweile einem Vierteljahrhundert wurde, wie La Repubblica berichtet, im Durchschnitt jeden Monat ein Ort unter Zwangsverwaltung gestellt, darunter auch Grosstädte wie Neapel (50 mal), Palermo (29 mal), Rom, Mailand und Turin. Gegenwärtig stehen 27 Rathäuser Italiens unter Zwangsverwaltung.  Was hat es gebracht? Nicht immer das Erhoffte.

   Wie es gehen kann, illustriert Fondi.  Im Jahr 2009 verlangte der damalige Innenminister zweimal  die Auflösung des von der Berlusconi-Partei PDL beherrschten Stadtrats von Fondi wegen Infiltration durch Camorra, 'Ndrangheta und Mafia. Er verlangte, Fondi auf 18 Monate unter Zwangsverrwaltung zu stellen.  Beide Male wurde Fondi durch einen Beschluss des Kabinetts der Regierung Berlusconi geschützt. Der Stadtrat trat danach fast komplett zurück und verhinderte durch diesen Rücktritt das vorgeschriebene Eintreten der Zwangsverwaltung.

   Danach veranstaltete man in Fondi eine neue Stadtratswahl. Dabei traten wieder die Vertreter der PDL an, die zurückgetretenen, und wurden mit 65 Prozent wiedergewählt, in teilweise in noch höhere Positionen. Der ehemalige Bürgermeister, der das Manöver gesteuert hatte, wurde sogar in den Provinzialrat befördert.

   Nachdem Fondi wieder sicher in der Hand der Mafias war, nahmen hohe Exponenten der PDL Rache und bedrohten den Präfekten der Provinz, der die Auflösung des Stadtrats von Fondi gefordert hatte. Einer der Herren -- der Bevollmächtigte von Berlusconi für den Pontino --sitzt inzwischen in der Anti-Mafia-Kommision des Parlaments in Rom und ist -- welch'  ein Zufall! -- für die Auflösung von Gemeinderäten zuständig, wie La Repubblica verzeichnet.

   Der Fall von Fondi zeige, dass sich der Staat der Kriminalität gebeugt und die Glaubwürdigkeit des Gesetzes untergraben habe.  "Jede Stadtverwaltung, die mit der Mafia verbandelt ist, wird nun (sobald Zwangsverwaltung droht) demissionieren, um sich erneuert wieder zu präsentieren, noch stärker als vorher." wird der Anwalt Francesco Fusco zitiert, ein Miglied des Antimafia-Komitees von Fondi.

Benedikt Brenner

 

   Sie holen sich Heiratswillige aus den Armentafeln und besetzten Häusern in Rom.  Ein Flugbillett nach Ägypten und ein paar tausend Euro: schon wird ein Syrer mit einer Italienerin nach koptischem oder katrholischem Ritus verheiratet, manchmal auch eine Araberin mit einem Italiener.

   Nach Registrierung der Ehe in Ägypten und über das (kürzlich bombardierte) Konsulat auch in Italien, wird nach einigen Monaten die langfristige Aufenthaltsbewilligung in Italien zwecks Familien-Zusammenführung gewährt und, viel später, kann auch die Einbürgerung erfolgen. Meist sind die Neuvermählten jedoch nicht an Italien, sondern am Schengen-Raum interessiert.

   Wie ANSA berichtete, kümmert sich eine italienisch geleitete Agentur um das Arrangement und die bürokratische Abwicklung der Scheinehen zu Gesamtkosten von 9000 Euro je Fall.  Das Geschäft fiel der Antiterrorismus- Behörde auf, als sie zwei Tage nach dem Attentat auf das Konsulat ein Gespräch abhörte, in dem zwei Personen dringend eine Heirat forderten und den doppelten Tarif boten.  Man befürchtet, dass die Scheinehen es Terroristen ermöglichen sollen, nach Italien einzureisen.

   Dank Beschleunigung der Prozeduren in Ägypten durch die Agentur können die Italienerinnen oder Italiener schon nach zwei Wochen mitsamt Honorar nachhause fliegen. 

Benedikt Brenner

  

Ukraine Mustn’t Count on Changes in Russia Soon But Instead Be Prepared to Fight On, Borovoy Says

   Konstantin Borovoy, an outspoken Russian opposition politician and commentator, says Ukrainians are making a big mistake if they assume there is going to be any change in Russia soon either from above or below. And he insists that they must instead be prepared for more war and the need to fight in defense of their country.

   In an interview given to Ukrainska Pravda, Borovoy, who came to Kyiv during the Maidan, opposed the Crimean Anschluss, and encouraged the US to provide financial and military help to Ukraine, was as outspoken in his comments as his late friend Valeriya Novodvorskaya.

   Many Ukrainians, he suggests, now place their hopes for the future in some dramatic change from below: a palace coup, a successful challenge to the Kremlin by the opposition, or a social explosion that would spark a revolution. But none of these things are likely, according to Borovoy.

   Putin does not face a challenge from within his entourage. Instead, he has promoted the idea of competition within it to increase his own power. The Kremlin leader does not face a challenge from what is called the Russian opposition because almost all those who call themselves that have been coopted or are controlled to one extent or another.

   And he does not face a social revolution either, Borovoy argues. Whatever some Ukrainians think, “there are no poor frozen Russians” who are ready to demand change. The situation “is still worse than you think” because as far as Ukrainians are concerned, Russia is “an enemy,” and “one should not expect anything positive from such an enemy camp.”

   Borovoy says he participated in politics at the end of Soviet times and at the beginning of post-Soviet ones when he “was certain that Russia would become a democratic state.” But he agree with his interviewer that Russian society “has been transformed into a society of consumers who haven’t noticed that they are in a concentration camp.”

   He dates “the beginning of the [current] imperial project” to 1994-1995, the time of Yeltsin’s conflict with Tatarstan over whether Russia would be a federation or a confederation. “then in 1994 was issued a secret decree about the preparation for the suppression of an anti-constitutional putsch.”

   In that decree, Borovoy says, it was specified that Moscow would introduce forces into the non-Russian republics if their presidents issued a joint declaration on the issue. “This was July 1994.” At the end of the year, he says, this project began to be carried out. This was an imperial project” which did not kill democracy in Russia but put its future at risk.

   Turning to Ukraine, he says that Russia will continue the war, now stepping up the pressure and now lowering it to keep everyone off guard. Ukrainians must be prepared to “fight and fight with enormous losses” because “there are no other options” available if they want to control their own future.

   “Ukraine today is defending not just its own national values or will defend them if it actively takes part in this war but those of European and Western civilization,” Borovoy says. That should be a source of enormous pride. And it should prompt Europe and the West to come to its aid more than they have.

   Instead, many in Europe have become cynics, with some even asserting that yes, Ukraine is losing 7,000 combat deaths a year but it is giving birth to “more than 7,000” and so the whole thing doesn’t matter as long as the war doesn’t spread. But with that attitude, Putin can attack and convert Ukraine into a zone of war without clear battle lines, a disaster for Ukrainians.

   In that event, Borovoy concludes, “Ukraine would be converted into a copy of Moldova” and its people could look forward to only “a slow death.” Fighting the Russian enemy is a better option.

Paul Goble -- The Interpreter