Waffenstillstand hin, Waffenstillstand her: Syriens Diktator Bashar al-Assad verfolgt zäh sein Ziel, ganz Syrien wieder unter seine Kontrolle zu bringen. Drei Schritte sind erforderlich, um dieses Ziel zu erreichen:

== die völlige Eroberung der letzten Rebellenprovinz Idlib;

== die Wieder-Eingliederung des kurdischen Nordsyriens in den syrischen Staat;

== die Vertreibung der Türken aus den von ihnen besetzten Gebieten um Afrin, Kobane und Qamishli.

   Von Süden her rollen Assads Truppen mit russischer Luftunterstützung die Provinz Idlib schrittweise auf. Auf beiden Seiten wird mit grosser Grausamkeit gekämpft: die Russen bombardieren offenbar Krankenhäuser, wie es die syrische Luftwaffe übrigens seit Jahren tut. Die wichtigste Rebellentruppe HTS (Hayat Tahrir as-Shams) blockiert angeblich die vereinbarten Fluchtwege der Zivilbevölkerung und erschiesst jeden, der zu flüchten versucht.

   Dennoch ist es nach Angaben der Vereinten Nationen seit Mitte 2019 bislang rund 350.000 Menschen gelungen, aus Idlib nach Norden in Richtung auf die türkische Grenze zu fliehen. Schon vorher hatten rund 400.000 Menschen Idlib verlassen. Mit weiteren hunderttausenden Flüchtlingen ist im Zuge des Vormarschs der Regierungsruppen zu rechnen.

   Die Lage an der türkischen Grenze ist verzweifelt. Dem Winterwetter und dem Mangel an allem ausgeliefert, kampieren die Flüchtlinge entlang eines Grenzzauns, den die Türkei eisern geschlossen hält. Mit bereits 3,5 Millionen Syrern im Land weigert sich die Türkei, dem Menschenstrom aus Idlib die Tore zu öffnen.

   Das ist insofern erstaunlich, als ein mutmasslich grosser Teil dieser Flüchtlinge aktive Islamisten sind, die gegen Assad opponiert oder gekämpft haben und deshalb der islamistischen Regierung in Ankara besonders sympathisch und schützenswert erscheinen müssten.

   Pech für die Neuankömmlinge, dass sich ihre Flucht in einer Phase ereignet, in der Ankara versucht, sich der Flüchtlingslast wenigstens teilweise zu entledigen, indem es die zunehmend unbeliebten Syrer in das türkisch besetzte Syrien und nach Europa abschiebt.

   Vor sich die geschlossene Grenze, hinter sich die vordringenden Assad-Truppen, die den Widerstandskämpfern und Islamisten keinen Pardon geben – was sollen die Flüchtlinge tun? Es gibt nur eine Möglichkeit: sich in die türkisch besetzte Zone Syriens zu retten, in den schmalen Streifen um Afrin, Kobane und Qamishli. 

   Doch dort existieren bereits Strukturen syrischen Ursprungs wohl weitgehend krimineller Art, die von den Türken bewaffnet und ausgerüstet wurden, und die den Milizen aus Idlib feindlich gesonnen sind. Die von den Türken favorisierte National Front for Liberation (NFL) ist von der HTS nach harten Kämpfen aus dem nördlichen Idlib vertrieben worden und wird sich rächen. Die von den Türken gehätschelten Turkmenen von Afrin sind keine Freunde der Araber aus Idlib.

   Die Flüchtlinge erwartet also kein freundlicher Empfang; Not, Elend und Platzmangel werden die türkische Enklave – euphemistisch Pufferzone genannt – in einen zweiten Gazastreifen verwandeln, mit allem Schrecken, den dieses Schicksal beinhaltet. Von der Türkei als ein Lager behandelt, von internationalen Organisationen notdürftig durchgefüttert, von religiösen Fanatikern und Kriminellen beherrscht, von Assad permanent bedroht und von Syrien abgeschnitten, wird dieses zweite Gaza ein neuer Unruheherd im chronisch unruhigen Nahen Osten werden. Keine Freude für die Türken.

   Aber vorläufige Endstation eines Bürgerkriegs.

 

Ihsan al-Tawil