Vor 157 Jahren verschwand das Königreich der Beiden Sizilien, auch Königreich von Neapel genannt, und wurde Teil des Königreichs Italien.  Blieb das bis heute. Im Prinzip.

   Bis zur Wahl am 4. März 2018. Ihr wohl wichtigstes Ergebnis ist ein Riss, der quer durch den Stiefel geht, weitgehend entlang der Grenze des alten sizilianischen Reichs: Der Norden blau mit ein paar roten Flecken, der Süden fast durchweg gelb.

   Blau: das ist die Farbe der Rechtskoalition, gelb die der Fünf-Sterne-Bewegung. Die roten Flecken sind die kläglichen Reste der einstigen sozialistischen Kernlande.

   Der Süden ist gelb: in seltener Einigkeit versammelt unter der Flagge der Bewegung der Fünf Sterne. Was die Milizen des Giuseppe Garibaldi einst vernichteten, ist unter dem Volkstribunen Beppe Grillo wieder erstanden: ein geeinter Mezzogiorno, der sich klar von dem Norden und Zentrum Italiens absetzt.

Was ist passiert? Italien ist geschockt. Damit hatte niemand gerechnet.

   Die Öffentlichkeit frägt sich: wie konnte das geschehen, und was bedeutet es für die Zukunft?

Eins ist vorab klar: Italien droht ein kalter Bürgerkrieg.

   Dank des Wahlergebnisses gibt es zunächst zwei mögliche Varianten der Regierungsbildung: entweder regiert die stärkste Partei, nämlich die Gelben oder das stärkste Wahlbündnis, nämlich die Blauen.

   Erhält die Rechtskoalition der Blauen die Macht in Rom, so heisst das, dass der Norden über den Süden herrschen wird– ein historisch wohlvertrautes Modell, das diesmal das latente Unterdrückungsgefühl des Mezzogiorno zur Explosion bringen kann. Das herrische Auftreten der Nordländer, ihre kaum gezügelte Verachtung für die terroni, die “Erdfresser”des Südens, und die Furcht der Südländer vor der Rache der Parteien des Nordens, die im Süden erfolglos blieben.

   Gelangen jedoch die Gelben des Beppe Grillo an die Macht, so bedeutet das, dass der Süden erstmalig seit 1861 über den Norden herrschen wird. Egal, wie sich die Grillini gebärden: das Wahlergebnis von 2018 hat sie in den Augen des Nordens zur Partei des Südens gestempelt; zur Partei der Verlierer, der Abgehängten, der Schnorrer.

   Man braucht kein Prophet zu sein um mit einer gewalttätigen Reaktion der norditalienischen Bevölkerung zu rechnen. Amnesty International hat erst kürzlich vor der Xenophobie und dem Hass auf alles Südliche gewarnt. Der Norden hat ja aus diesem Grund die fremden- und Mezzogiorno-feindliche Lega gewählt. Wenn aber in Rom eine südlich bestimmte Regierung einzieht, dann wird sich der Norden verraten und provoziert fühlen. Viele Norditaliener werden nicht akzeptieren, dass der verachtete Süden dank seiner Kopf- und Stimmenzahl an die Macht gelangt.

   In dieser potentiell explosiven Lage ist natürlich von grossem Interesse zu erfahren, wie denn das südliche Wahlergebnis zustande kam. Was hat die Meridionali bewogen, so monolithisch und anders als Rest-Italien abzustimmen?

   Ganz schnell fanden schlaue Analysten eine Erklärung: sie heisst bedingungsloses Grundeinkommen. Das reddito di cittadinanza einzuführen war ein zentrales Wahlversprechen der Fünf Sterne. Die Statistik zeigt in der Tat eine verblüffend enge Korrelation zwischen Einkommensniveau und gelbem Wahlerfolg. In den ärmsten Provinzen des Südens erzielten die Grillini ihre höchsten Mehrheiten; je weiter man nach Norden geht steigt der Wohlstand und sinkt der Wahlerfolg der Gelben. Im hohen Norden, im Trentino und in der Lombardei, strebt er gegen Null.

   Um das Vorurteil der Nordlichter, alle terroni seien Schnorrer, noch zu verstärken, sammelten sich in südlichen Städten wie Bari und Palermo in den Tagen nach der Wahl Schlangen in den Bürgerämtern der Rathäuser und wollten Antragsformulare für das Grundeinkommen abholen.

“Die Grillini haben gesiegt; jetzt wollen wir das Grundeinkommen

sagten sie. Unter ihnen vor allem junge Menschen. In Palermo musste eine Nachricht ausgehängt werden: “Es gibt keine Antragsformulare für das Grundeinkommen”.

   Wie immer man diese Umstände bewerten mag:

Es zeigt sich, dass das Grundeinkommen der Totengräber des Sozialismus ist

   Wenn eine Partei egal welcher Couleur glaubhaft das Grundeinkommen anbietet, reisst sie den Sozialisten den Teppich unter den Füssen weg. Das Wahlvolk zieht dann den Spatz in der Hand der Taube auf dem Dach vor.

   Die klassische Wahlanalyse sieht die Entwicklung differenzierter. Nicht die Hoffnung auf das Grundeinkommen habe die Südländer motiviert. Stattdessen habe in ganz Italien eine Wanderung von Wählern von den Sozialisten der Demokratischen Partei zu den Fünf Sternen stattgefunden. Die Fünf Sterne wiederum hätten Wähler an die Lega verloren. Diese Wanderung habe im Norden funktioniert und zu dem starken Wachstum der Lega geführt.

   Auch im Süden seien Wähler massiv von den Sozialisten zu den Fünf Sternen gewechselt. Im Süden sei die Lega jedoch so wenig präsent, dass die Wähler keine Chance gehabt hätten, zu ihr abzuwandern. Deshalb seien sie den Grillini erhalten geblieben und hätten dadurch die satten Mehrheiten der Gelben erzeugt.

   Wie weit diese Interpretation spekulativ ist, sei dahin gestellt. Tatsache ist, dass die Grillini bereits als Nachfolger der Sozialisten gesehen werden, obwohl sie ja stets betonen, dass sie weder rechts noch links orientiert seien. Bislang zeigten sie sich in ihren Prinzipien recht flexibel. Die Zukunft wird zeigen, ob sie nach links, rechts oder zur Rolle der Regionalpartei des Südens tendieren.

Benedikt Brenner