Nachmittag auf der Via del Corso in Rom. Ströme von Shoppern und Touristen, dazwischen Taxis und Busse. Da, ein Streifenwagen der Polizei. Der fliegende Händler, der sein Tablett mit kleinem Silberschmuck den Touristinnen anbietet, rennt weg. In eine Seitenstrasse, wo er sich hinter ein geparktes Auto duckt.

   Ich folge ihm: "Du versteckst Dich vor der Polizei, stimmts?" Er grinst, bejaht. "Von wo kommst Du?" Bangladesh. Aus Dhaka.

   Simon nennt er sich, 22 Jahre alt. Vier Jahre in Italien. Illegal, wie man sieht. "Bist Du mit dem Flugzeug gekommen oder mit dem Schiff?" "Lampedusa", antwortet er unumwunden. "Fünf Tage, ein Toter."

   Er fasst sich mit der Hand nach hinten, auf seinen Oberschenkel. "Kaputt". Sein italienisch reicht nicht aus. "Haut?", frage ich. "Ja, Haut weg, Benzin." Mehr erfahre ich nicht. Brandwunde oder verätzt?

   Am Abend esse ich in einem italienischen Restaurant. Die ganze Mannschaft ist aus Bangladesh. Ich erzähle dem Manager, Babul, von seinem Landsmann Simon. "Der ist verrückt. Er hat sein Leben riskiert mit der Überfahrt."

   Wie seine Leute nach Rom gekommen seien, frage ich Babul. "Alle mit dem Flugzeug. Einige aus anderen europäischen Ländern." Er selbst war zuerst in Italien, dann ein paar Jahre in Frankreich, nun wieder hier.

   Am nächsten Morgen treffe ich einen anderen Strassenhändler, diesmal an der Engelsbrücke. Ich hielt ihn für einen Bangladeshi, aber gefehlt, Junius ist aus Sri Lanka. Wie er hierher gekommen sei? Mit dem Flugzeug. Wie viele seiner Landsleute wohl mit dem Boot gekommen seien? Nur zehn Prozent, antwortet er ganz präzise. Neunzig Prozent kommen mit einem Visum, sagt Junius.

   Neben ihm an der Brücke stehen zwei Afrikaner als Touristenberater der Stadtverwaltung, einer aus Nigeria, der andere aus Kenia. Beide natürlich offiziell mit Visum in Italien eingereist. 

   Mare Nostrum heisst die jüngste Pirouette der italienischen Einwanderungspolitik. Mare Nostrum  fischt jeden Tag hunderte, ja manchmal sogar über tausend Bootsleute aus dem Mittelmeer.

   Jahrelang hatte man die illegale Einwanderung übers Meer weitgehend ignoriert. Dann kamen die Albaner. Nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes kamen von 1991 bis 2003 rund 350.000 albanische Wirtschaftsflüchtlinge nach Italien, meist auf Schiffen. Eine Welle albanischer Kriminalität wurde in ganz Italien von den Medien verzeichnet: das italienische Bürgertum verdächtigte vor allem die Linksregierung von Romano Prodi 1996-98, die Einwanderung aus ideologischen Gründen begünstigt zu haben -- ein wichtiger Grund für den Aufstieg der xenophoben Nordliga und Silvio Berlusconis.

   Damit gerieten die Boots-Flüchtlinge aus Nordafrika ins Visier der Lega Nord. Unverhohlen wurde gefordert, die illegale Einwanderung nicht nur zu erschweren, sondern die Flösse der Bootsleute zu beschiessen und zu versenken. Der Chef der Lega Umberto Bossi und der Chef der Neofaschisten Gianfranco Fini formulierten das berüchtigte und immer noch geltende Gesetz Bossi-Fini, das Hilfe und Rettung von Flüchtlingen unter Strafe stellt. Jeder italienische Fischer, der Bootsleute rettet, ist ein Gesetzesbrecher.

   Der Arabische Frühling in Tunesien und später in Libyen und Ägypten kippte das austarierte System der Flucht übers Meer. Statt einigen hundert pro Monat kamen ab 2011 plötzlich Tausende an. Die Insel Lampedusa wurde weltweit bekannt durch Horrorstories und schreckliche Fotos. Enormer Druck zwang schliesslich die Koalitionsregierung Enrico Letta, einzugreifen und in einer Volte um 180 Grad die italienische Marine für die grosse Rettungaktion Mare Nostrum einzusetzen, unterstützt durch das europäische Fluchtvereitelungssystem Frontex.

   Die Lega Nord ist wenig begeistert. Für sie ist Mare Nostrum der verlängerte Arm der kriminellen Fluchthelferbanden an der Küste Libyens. Fraglos hat die neue Bereitschaft Italiens, die Bootsleute aus dem Meer zu fischen, einen ähnlichen Durchbruch gebracht wie der Fall der Mauer in Berlin 1989. Hunderttausende stehen angeblich an der Küste Libyens bereit, den Sprung zu wagen -- vorausgesetzt, sie haben genug Geld für die Fluchthelfer und diese genug billige Einwegboote für die Überfahrt.

   Italiens jetzige Regierung Matteo Renzi ruft laut um Hilfe. Das seit Jahren am Rande der Pleite und in einer zähen Rezession manövrierende Land könne eine solche Masseneinwanderung nicht allein bewältigen: es brauche massive europäische Unterstützung.

   Aber ist dieser Hilferuf berechtigt?

   Erstens wandert ein grosser Teil der Flüchtlinge entweder sofort in andere Schengen-Staaten weiter oder verlässt nach einiger Zeit Italien wegen der schlechten Behandlung der Bootsleute in den Auffanglagern und der ungünstigen Wirtschaftslage im Lande.

   Zweitens verdient die italienische Einwanderungspolitik, unter die Lupe genommen zu werden, was die Zahlen und die Methoden anlangt.

   Ein paar Fakten springen ins Auge:<p>
* Italien hat weniger Immigranten als andere Länder der EU<p>
* Italien ist sehr langsam in seinen Prozeduren der Einbürgerung, so dass die Einwandererziffern nicht, wie in anderen Ländern, abschmelzen.<p>
* Die Hälfte der derzeit einwandernden Personen stammt aus Nicht-EU-Ländern Europas, zum Beispiel Albanien, Moldawien, der Ukraine oder Russland.<p>
* Die meisten Visa für Nicht-EU-Bürger gab es für Russen, Chinesen, Türken und Inder. 28 Prozent der Visa gab es für Asiaten, 12 Prozent für Bewohner des Mittleren Ostens und Nordafrikas, und nur 4 Prozent für Afrikaner und Amerikaner.

   Wer heute die Grosstädte Italiens besucht, erwartet, die Boots-Einwanderer zu sehen, also Syrer, Ägypter, Tunesier, Iraker und die politisch verfolgten Eriträer, Somalis und Südsudanesen.

   Doch was sieht er: Bangladeshi, Pakistani, Inder, Chinesen, Filipinos, Marokkaner, Senegalesen, Nigerianer. Jede dieser Gruppen verfolgt ihr eigenes erfolgreiches Geschäftsmodell;

   Die Bangladeshi in Rom betreiben die meisten<i> bancarelle</i>, die fliegenden Stände, die jedes Verkehrsbauwerk, jeden Touristentreffpunkt und jedes Kaufhaus umgeben. So viele Bangladeshi gibt es, dass scherzhaft vermutet wird, es herrsche in Bengalen Mangel an jungen Männern, weil alle in Rom sind.

   Chinesen, Inder und Pakistani haben eigene Handelsstrukturen und Industrien aufgezogen. In Prato bei Florenz existiert eine grosse chinesische Textilindustrie mit rund 25.000 wohl meist illegalen chinesischen Arbeitern, die in Tag- und Nachtschichten <i>Made in Italy</i> herstellen. In Rom wird das Viertel des Esquilin nahe des Hauptbahnhofs von Asiaten beherrscht.

   Die Filipinos -- besser gesagt, die Filipinas -- sind auf Haushaltshilfe spezialisiert. Die Marokkaner dominieren als fliegende Händler die Strände. Die Senegalesen kontrollieren den Handel mit illegalen und legalen Handtaschen und Lederwaren. Die Nigerianer und Nigerianierinnen sind als Transvestiten und Prostituierte aktiv.

   Erst einmal im Lande, behelligt die Polizei selten die "undokumentierten Ausländer". Solange sie nicht auffallen und keine Missetaten begehen, können sie jahrelang im reichen Italien leben.

   Wie aber sind sie alle nach Italien gekommen? Auf dem Boot die Allerwenigsten. Wenn im späten Frühjahr die Strand-Marokkaner mit Visum und Royal Air Maroc nach Italien einfliegen, dann duftet das Flugzeug ländlich, doch viele von ihnen besitzen daheim Haus und vielleicht Geschäft. Keine armen Teufel.

   Offenkundig ist, dass Italiens Konsulate über die Jahre hinweg millionenfach Visa vergeben haben, wohl wissend, dass der angebliche Tourist oder Student in Wirklichkeit in Italien Arbeit und Einkommen suchen wird, über 2 Millionen Visa allein 2013. Da ein Visum 60 bis 116 Euro kostet, verdient der italienische Fiskus auch an voraussichtlich illegaler Einwanderung.

   Kein Wunder, dass sich kommerzielle Agenturen um Einwanderungslustige bemühen und ihre langjährig erfolgreiche Arbeit preisen. Der Anteil der abgelehnten Anträge steigt zwar, verharrte aber 2013 immer noch bei 4 Prozent, was dem Geschäftsmodell der Agenturen sicherlich zuträglich ist. (Alle Zahlen: Aussenministerium)

   Der Eindruck drängt sich auf, dass Italien als Einwanderungsland weit offen ist für den, der weiss, wie man an ein Visum kommt und das nötige Geld dafür besitzt. Absurderweise müssen die Bootsleute in Libyen vielleicht mehr Geld an die Fluchthelfer abführen als in einem anderen Land ein Visum samt Schmiergeld für Agenten und Flugzeugticket kosten würde. Kein Wunder, dass Asiaten staunen, wenn einer der Ihrigen den Weg übers Wasser wählt.

   Ende 2012 gab es 5,0 Millionen wohnhafte Ausländer in Italien. Der Anteil der Nicht-Europäer beziffert sich auf rund 2,5 Millionen oder 4 Prozent der Bevölkerung. Dazu addieren sich die Illegalen, die 2008 auf 650.000 geschätzt wurden. In den ersten vier Monaten 2014 nahm Italien 39.000 Bootsleute auf. Aufs Jahr umgerechnet sind das knapp 120.000. Keine erschreckende Ziffer, aber sie wird wohl erheblich steigen.

   Italien ist laut Eurostat das drittwichtigste Einwanderungsland der EU nach Deutschland und Spanien und gleichauf mit Grossbritannien. Das Bild ist jedoch schief, da Länder wie Frankreich, Grossbritannien und Deutschland massiv Einwanderer naturalisiert haben, was in Italien kaum geschah.

   Um auf die Titelfrage zurück zu kommen: Muss man Italien helfen, den Einstrom der Boots-Flüchtlinge zu bewältigen? Die Antwort kann nur lauten: Nein.

   Alles, was Italien tun sollte, ist sein mutmasslich korruptes System der Visavergabe durchforsten und die Anträge vor allem aus Asien strenger prüfen. Ohne die Gesamtzahl der Einwanderer pro Jahr zu vermindern, könnten dann anstelle der Abgelehnten Abertausende von Bootsleuten aufgenommen und wirtschaftlich integriert werden. Über die schrittweise Legalisierung der Undokumentierten könnte man später reden. Italien weiss, wie man das macht.

 Benedikt Brenner

 

Update

Wie kommt man übers Meer ohne zu schwimmen?

   Ein italienisches Visum zu bekommen ist fast unmöglich, wenn man "extracomunitario" ist, also Nicht-EU-Bürger. Man muss ein Ticket für Hin- und Rückflug vorlegen, dazu den Nachweis einer Unterkunft, eine Krankenversicherung mit mindestens 30.000 Euro Deckungssumme, plus einer Pauschale für Rücktransport im Krankheitsfall, plus Nachweis des Besitzes von mindestens 44 Euro Tagegeld für die Dauer des Aufenthalts in Italien. 

   Doch es geht auch anders, wie ein Vorfall am italienischen Konsulat in Tunesien zeigte. Während der Monate der Jasmin-Revolution erhielten fünf Freunde eines Sachbearbeiters der Visa-Abteilung ihr Visum, nachdem er auf dem Antrag vermerkt hatte "persönlich bekannt". Das sei eine gewöhnliche Praxis, kommentiert die Gewerkschaft der Angestellten des auswärtigen Dienstes. Da die fünf Freunde aber nach Ablauf ihres Visums in Italien untertauchten, flog die Sache auf und der Sachbearbeiter wurde fristlos gefeuert. Die nunmehr illegalen Fünf addierten sich zu den 146.000 Personen, die laut offizieller Statistik 2014 mit abgelaufenem Visum in Italien lebten. Dazu kamen die 170.000 Illegalen, die 2014 übers Meer angekommen sind.

   Während der kleine Konsulats-Sachbearbeiter sich einen neuen Job suchen muss, wurde seine Vorgesetzte zwar getadelt und nach Rom versetzt, blieb aber sonst unbehelligt.  Der Botschafter, der angeblich seinem damaligen Koch zu einem Sechs-Monate-Visum verhalf, (das dieser benutzte, um sich nach Frankreich abzusetzen) wurde auf einen höheren Posten befördert, wie Huffington Post berichtete.

 

 

   The trouble brewing in Libya is making Italy very nervous. The numbers of refugees currently waiting on the beach to cross the Mediterranean are estimated at between 250,000 to one million. In addition, the local branch of ISIS is spreading and threatening to send terrorists among the boat people to Italy.

   Small wonder that Italy is exploring ways to control the illicit maritime traffic by blocking the main route from the Libyan coast to Lampedusa island. Unfortunately, the entire stretch of coast opposite Lampedusa,  from Abu Kammash/Farwah to Zawyah  and Tripoli is under control of groups loyal to the Islamist counter-government of Tripolis which enjoys the support of Turkey and Qatar.

   Given the chaos prevailing in Libya and the predominance of Islamist groups, Italy is thinking of acting on its own by imposing a naval blockade some 15 miles outside the Libyan coastline in order to prevent criminal or Islamist gangs from sending refugee boats in direction to Lampedusa.

   In fact, the Plan B is already in implementation as a naval maneuver. The Chief of General Staff, Claudio Graziano, announced that a program "Mare Aperto" (Open Seas) had begun in early March deploying vessels of the Italian navy along the Libyan coast. The maneuver started with three vessels, he said, the torpedo destroyer Duilio, the fregate Bergamini, and an amphibian ship of the San Giorgio class which carries helicopters and features a hospital unit.

   The idea, according to General Graziano. is to dissuade refugee boats from departing and, at the same time, to provide routine training for amphibian operations. According to media reports. Italy disposes in the area of a sizeable fleet of about ten units led by the aircraft carrier Cavour. with fregates, submarines and amphibious warfare ships. supported by aircraft from the Trapani and Pantelleria bases. Since the aggressive ISIS affiliate in Libya directly threatens Italy, the fleet would be "active to guarantee the security of our country on a daily basis through air defense, action to ensure maritime safety, to control the movements of migrants and to defend (our) territory," General Graziano said.

   Italy considers Libya a direct neighbor. Ever since the colonial days Italy always maintained close relations with Libya and can rely on a profound knowledge of the coast of Tripolitania. Although Italy's government would prefer to guide a joint European intervention there can be little doubt that Italy will act on its own if need be. A maritime blockade would stop refugee boats, transfer the passengers to the amphibious ships where they could receive medical treatment, and then unload them on the Libyan shore near Zawyah from where most boats leave for Lampedusa. Aircraft and navy infantry would protect the landing operations. The blockade is likely to be supported by the U.N. Security Council,  the Special Representative of the United Nations for Libya, Bernardino Leon, told Italian Prime Minister Matteo Renzi during a recent visit in Rome. The blockade would also correspond to maritime law which demands that survivors of shipwrecks be saved and reported to the nearest safe shore.

Benedikt Brenner

Update

While participating in the economic summit at Sharm-el Sheikh, Italy's Prime Minister Matteo Renzi dropped his former reluctant attitude and urged an international intervention in Libya "before the ISIS militias systematically occupy not only small and scattered places but a part of the country. It is therefore necessary to arrive before ISIS does, and do it quickly." As a result of his shuttle diplomacy, Renzi can count on the support of Russia's President Putin and Egypt's President al-Sisi. Outside this picture, however, remains Turkey's President Erdoǧan who supports the Islamist counter government in Tripoli.

 

Update

"For the time being", Prime Minister Matteo Renzi excluded putting troops on Libyan soil because of the incalculable risks, he said. 20/04/15)

 

 

   Nonsense remains nonsense even if it is pronounced by a high-falutin personality such as Mr Paul Krugman, Nobel Prize winner in economics and columnist of the New York Times.

   In his column "What Greece Won" (27/02/15) he congratulated the Syriza government in Athens for its success in obtaining better conditions in its negotiations with its creditors, and for stopping the austerity policies. By achieving this, "Greece has done the rest of Europe a favor," he wrote.

   Europe, seen from the vantage point of New York, is a small peninsula jutting into the Atlantic, populated by friendly weirdos living in Disneyland countries, playing a game called "austerity" which resembles the self-inflicted punishments of primitive religious rituals.

   Mr Krugman happily ignores the basics of the Greek economy. By 2009, an arguable forty percent of Greek GDP resulted from years of debt-financed over-consumption made possible by the high credit rating the country enjoyed after it had joined the euro zone in 2000. This enormous bubble had mainly taken the shape of an inflated state sector.

   When the crisis broke in late 2009, Greece faced default.  Since it was impossible to deflate "cold turkey" the inflated state sector, the Hellenic government needed still more credit to keep the administration running while trying to reduce spending and boost revenue.

   Two successive bailout efforts by the Troika creditors helped Greece to avoid a moratorium. By mid-2014 spending by the public administration had considerably shrunk. In combination with higher taxation, a positive primary surplus briefly appeared, only to disappear again in the last quarter of 2014.

   This ephemeral primary surplus was greeted by the former government and, more reluctantly, by the creditors as heralding a breakthrough. Even Mr Krugman considers it a remarkable achievement. Under current conditions, however, another primary surplus is likely to remain a distant dream.

   In reality, Greece's main problem is neither the public indebtedness nor its ability to resume debt servicing and preventing the debt burden from continuing to grow.

   The real problem is lack of competitiveness. During the posh years of the euro bonanza, Greek wages, salaries and prices exploded. Athens, where a cup of coffee or a brandy had once cost 1 drachma, equivalent of about ten dollar cent of today, had become one of the more expensive capitals of Europe.

   Consequently, Greece had become a net importer of  a wide array of goods, even those it once exported, like sheep cheese. Greek products disappeared from world markets and those which remained, such as olive oil, were fraught with severe quality problems.

   With the gradual reduction in state overspending during the crisis years, private incomes shrunk and with it the demand for imported goods. German export insurers noted that German exports to greece had fallen since 2009 by a stunning 80 percent.

   As the warm drizzle of government overspending gradually dried up, Greek business had to make efforts to maintain income and secure alternative sources. Consequently. prices were slashed and services improved. Greek products started to reappear in world markets, trying to compete with cheaper Turkish exports by offering better quality and design. Most noticeable is the recent Greek success in tourism which would not have been possible without years of the austerity drive so much maligned by Mr Krugman and most of the Anglo-Saxon media.

   In the midst of a painfully slow but still visible progress toward more competitiveness of the Greek economy and better stability of its public finances, the disaster of the Syriza government happened. Within a few days, the new administration succeeded in throwing into disarray the fragile structure of a new Greece oriented toward self-sufficiency, not depending on  a constant stream of subsidies.

  Had the old government been a considerable part of the problem, the new one managed to wreck everything.  Greeks stopped paying taxes, suppliers stopped deliveries, the economy went into tailspin. Banks are tottering on the brink of illiquidity, so is the government which already fell behind in paying some salaries, not to speak of settling overdue bills.

   With people hoarding their precious euros -- which they managed to extract from the banks -- under the mattress, the depression attributed by Mr Krugman to past austerity policies has instead become reality under the ham-fisted Syriza government which had promised to stop austerity. 

   The coming weeks will show if the creditors will accept whatever proposals and actions Athens will offer, once Syriza realizes the mess it has created and starts to do work instead of waffling, to mend fences instead of irritating and even insulting creditors. 

Heinrich von Loesch

 

   Während die EU-Finanzminister jetzt in die Montags-Sitzung gehen, mehren sich Anzeichen, dass die Entscheidung über Griechenlands Geldbedarf möglicherweise bereits gefallen ist. Die von Athen vorgelegte Liste von Reformvorschlägen ist -- wie alle sagen, die sie gesehen haben -- total unbefriedigend. Syriza scheint entschlossen, eher den Untergang zu riskieren, als nachzugeben.

   Die Euro-Gruppe hingegen ist in "Basta"-Stimmung. Griechenland hat seine Hand überreizt; die kleineren Staaten scharen sich hinter Merkels und Schäubles breiten Rücken. Merkel und Juncker haben die Öffentlichkeit demonstrativ wissen lassen, dass ein Grexit für sie nicht infrage komme. Diese philhellenischen Gelübde wecken den Verdacht, dass beide mit dem schnellen Kollaps der griechischen Regierung rechnen und sich durch ihren Treueschwur für den Sturm wappnen, der hinterher in der Öffentlichkeit losbricht.  

   Syriza, dem masochistischen παράδειγμα der griechischen Linken getreu, will die Reinheit des theoretischen Modells nicht der Brutalität des Kapitals unterwerfen und wird eher das Wohlergehen der Hellenen opfern, als nachzugeben. Man sollte die Befriedigung nicht unterschätzen, die es einem linken Revolutionär bereiten würde, Kredite der Kapitalisten in Höhe von 230 Milliarden Euro mit einem Federstrich zu vernichten.

Ihsan al-Tawil

 

   Zu Beginn der Krise sagte IFO-Chef Hans-Werner Sinn, Griechenland habe nur zwei Alternativen: entweder das Ausscheiden aus dem Euro, oder einen so schmerzhaften Schrumpfungsprozess, dass dies zu Unruhen und Aufständen führen würde.

   Recht hatte er. Die Schrumpfung der Wirtschaft um rund dreissig Prozent war so schmerzhaft, dass es nicht bei gewalttätigen Protesten blieb, sondern dass die Griechen einen Rattenfänger wählten, der ihnen ein Ende des Schmerzes versprach, so sie nur das Kreuzchen auf dem Wahlschein bei ihm setzten.

   Nun haben sie die alternative Regierung, die sie unter normalen Umständen nie gewählt hätten. Dieser Regierung haben sie einen unerfüllbaren Auftrag erteilt. Sie soll alles anders machen, ohne jedoch den Euro und damit die Nabelschnur nach Europa zu gefährden.

   Genau das tut diese Regierung nun. Sie redet, redet, redet sich um Kopf und Kragen, wie es scheint. Sie sägt an der Nabelschnur.  Was ist passiert?

   Der historische Zufall einer von zwei Generationen bürgerlicher Politiker verschuldeten Existenzkrise spülte ein Gruppe junger Linksintellektueller nach oben und vertraute ihnen die Macht an. Theoretisch brillant aber praktisch unerfahren, stolperten sie in das Regierungsgeschäft, begierig, alles anders und besser zu machen. Ihre Amtsvorgänger hatten ihnen tabula rasa hinterlassen.

   Man muss dem jungen Team ein dickes Kompliment machen: sie bringen ein für Griechenland ungewöhnlich hohes Mass an Redlichkeit mit. Bislang wenigstens. Sie achten das Gesetz. Sie haben bisher keine besiegten Gegner verfolgt und eingesperrt. Sie unterdrücken keine Opposition. Sie brauchen keinen Personenkult, denn sie sind ohnehin omnipräsent in den Medien. Es gelang ihnen, das Land aus der bleiernen Hoffnungslosigkeit aufzurütteln, der kollektiven Depression, unter der Hellas seit Beginn der Krise leidet.

   Doch so leichtfüssig, wie sie an die Macht kamen, sind sie nicht. Sie sind die Erben einer langen und traurigen Geschichte, und die Last dieses Erbes hemmt ihren Schritt.

   Noch immer ist Griechenland im Prinzip im Bürgerkrieg gefangen. Nach dem Ende des II. Weltkiegs zerfiel Hellas in zwei Lager: das bürgerliche und das kommunistische. "Die mit der Schokolade in den Taschen haben gesiegt", klagte Odysseas Elytis, einer der linken Dichter.

   Dank britischer Hilfe und Stalins Verrat siegten die Bürgerlichen, doch die Linken haben die Niederlage nie verwunden. Seit 65 Jahren warten sie auf die Chance ihre Katastrophe ungeschehen zu machen. 

   Schon einmal blitzte Hoffnung auf.  1963 kam ein Zentrumspolitiker namens Giorgos Papandreou an die Macht. Er verordnete Ungeheuerliches: er erlaubte den Gebrauch der Volkssprache Demotiki in Ämtern. Bis dato war als offizielle Sprache nur die Katharevousa gestattet, eine ans antike Griechisch angelehnte Kunstsprache, die nur Akademiker wirklich beherrschten.

   Mit dieser Massnahme beseitigte Papandreou -- der Grossvater des heutigen Politikers gleichen Namens -- die Sprachlosigkeit des einfachen Volkes, das vordem für jeden Behördenbrief einen Schreiber brauchte. Solche Reformen, die Papandreou anstiess, erregten den Zorn der Bürgerlichen. 1965 putschte König Konstantin II. mit einer Gruppe von Politikern Papandreou aus dem Amt.

   Erst 1981 gab es mit Andreas Papandreou -- dem Sohn des Giorgos -- einen sozialdemokratischen Premier. Er und seine Partei PASOK gerieten jedoch schnell in die Fänge der korrupten bürgerlichen Wirtschaft, zum Entsetzen der beiden kommunistischen Parteien -- einer moskautreuen und einer eurokommunistischen.

   Als in den folgenden Jahrzehnten die Kommunisten nur die Rolle eines Mauerblümchens spielten, so täuschte das Bild. Die die stalinistische Tradition pflegende Moskau-Partei KKE stiess mit ihrer Versteinerung die Wähler ab.  Doch wenn man mit den Menschen in Griechenland sprach, merkte man, dass linkes Denken immer noch mehrheitsfähig war. Linke Orientierung wurde von Vater zu Sohn tradiert, selbst wenn man mangels glaubwürdiger Alternative sozialdemokratisch wählte.

   Nach 2009 stiess die Krise die sozialdemokratische PASOK in den wohlverdienten Mülleimer der Geschichte. Die Aufmerksamkeit der Griechen richtete sich auf den linken Rand, und da hatte sich mit Syriza ein neues Sammelbecken kleiner Gruppen formiert, jedoch ohne die Moskau-Kommunisten der KKE, die den Sprung über den Abgrund zwischen Stalin und Putin bewältigt hatten.

   Tsipras und seine Leute verstehen sich als die erste wirklich linke Regierung seit dem II. Weltkrieg. Sie sehen sich als Testamentsvollstrecker ihrer Grossväter. die mit Haft, Exil und Diskriminierung für ihren Kampf im Bürgerkrieg büssten.

   Wieder ist es in den Worten von Tsipras ein Krieg, der geführt wird. Die mit der Schokolade in den Taschen, das sind die Institutionen, die EU, der Internationale Währungsfonds, die EZB, Schäuble und Merkel. Allein gelassen von Russland und China, "ohne eine Handbreit unter dem Herzen", wie Elytis sagte, kämpfen die linken Patrioten erneut gegen alle, für ein neues Hellas, ein neues Europa.

   Die stets links gebliebene Hälfte der Griechen jubelt ihnen zu. Das alte Pathos, es ist wieder da. Balsam für die von der Troika getretene Volksseele.

   Noch ist die Wirklichkeit nicht angekommen. Noch erfreut man sich an den schönen Versprechungen: der Wiedereinstellung der Gefeuerten, den Lebensmittelkarten für die Ärmsten, den Mietzuschüssen und Räumungsstops, an dem kostenlosen Strom für die vom E-Werk abgeklemmten Bürger. Kommunistische Volksbeglückungs-Reflexe nach Art der Brotsubventionen im alten Ostblock, als die Bürger Kleinvieh auf ihren Plattenbau-Balkons hielten und mit Brot fütterten, weil das billiger war als Getreide.

   Wirtschaftlich ist die Lage so verzweifelt wie in einem dem Konkurs geweihten Unternehmen, das sich in der Hoffnung auf einen Retter in letzter Minute mit fragwürdigen Geldbeschaffungsmethoden über Wasser zu halten versucht. Statt Reformen anzupacken, konzentriert sich alle Arbeit auf die Sicherung des Überlebens in der nächsten Woche, im nächsten Monat, in vier Monaten.

   Die Strategie von Tsipras könnte funktionieren in einem saturierten Land wie Dänemark, mit Reserven, die es erlauben, einen temporären Steuerstreik, eine stagnierende Wirtschaft und einen Run auf die Banken auszusitzen. Wie das in dem erschöpften, depressiven Hellas gehen soll, ist rätselhaft. Zumal, wenn man den guten Rat von Freunden zurückweist, die man verdächtigt, der Feind mit der Schokolade in den Taschen zu sein.

   Noch klatscht die intellektuelle Linke Europas der Syriza Beifall, macht ihr Mut, sieht sie als Modell für ein neues, linkes Europa. Aber wo werden die Applaudierer sein, wenn doch der so lange befürchtete Unfall passiert, der Griechenland in die Zahlungsunfähigkeit und ins Moratorium treibt?  Wer wird die Griechen trösten, wenn über Nacht dreissig, vierzig Prozent des Volksvermögens verschwunden und die Schulden in den Himmel gestiegen sind?

   Syrizas Erklärung für den Unfall steht schon fest: es ist eben das Schicksal der Linken, trotz heldenhaften Kampfes immer zu verlieren. Was an Vermögen verloren geht, wird an Pathos gewonnen. Wieder wird es Barden geben, die das traurige Schicksal der Hellenen besingen, jahrzehntelang. Und die grosse Türkei wird sich über ihren neuen Satelliten freuen.

Ihsan al-Tawil