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Es hat keinen Sinn, darum herumzureden, es zu beschönigen oder auf die lange Bank zu schieben. Europa hat ein Problem, das sich nicht wie so viele andere Probleme mit Investitionen, Umgewöhnung oder Modernisierung lösen lässt. Das Problem heisst illegale Zuwanderung.

   Man spricht von Flüchtlingen. Von Asylbewerbern. Von Armutszuwanderern. Von Opfern des Klimawandels. Man trauert um Tausende, die im Mittelmeer ertrunken sind. Um Opfer krimineller Schlepperbanden. Man bedauert Durchgangsländer, die von der Zuwanderungswelle überschwemmt werden. Man kritisiert primitive Notaufnahmelager und rüdes Personal. Man ist empört über fremdenfeindliche Gruppen und Demonstrationen. Doch dies ist alles nur der Anfang. Ein Vorgeschmack von dem, was kommen wird.

   Europa hat das Pech, im Süden und Südosten an die geburtenstärksten Bevölkerungsgruppen zu grenzen, die es auf der Welt gibt: Araber, Iraner/Pakistaner und Afrikaner.  Ein Beispiel für die demographische Wucht dieser Region: In Napoleons Tagen wurde Ägyptens Bevölkerung auf 2,4 bis 4 Millionen geschätzt. Um 1930 belief sie sich auf 15 Millionen. 1952, als Nasser die Monarchie stürzte, waren es schon 23 Millionen. Um 1985 waren 50 Millionen erreicht.  Heute sind es 85 Millionen auf einem fruchtbaren Anbaugebiet von der Grösse Baden-Württembergs.  (Update: 100 Millionen, Februar 2020)  Seit 1985 ist die Zahl der Geburten je Ägypterin bei 3,0 bis 3,5 gleich geblieben. Wie viele Menschen werden in 2030, 2050 am Nil leben wollen?

   Kein Demograf, der Verfasser eingeschlossen, hat um 1960 erwartet, dass Ägyptens Bevölkerung jemals eine Grösse ähnlich der heutigen erreichen könnte. Damals galt die "Theorie des demografischen Übergangs", gemäss der alle Bevölkerungen nach der Periode starken Wachstums einen mählichen bis starken Rückgang des Wachstums erleben würden, der in ein Gleichgewicht mündet. 

   Der Verfasser selbst schrieb 1962: "Aus einer Untersuchung des Bevölkerungswachstums Ägyptens gewannen wir die Überzeugung, dass die Bevölkerung Ägyptens sich bisher in einer Weise verhalten hat, die mit den Prinzipien der Theorie (vom demografischen Übergang) im Einklang steht, und dass wir aus diesem Grunde für die Zukunft einen Rückgang des Bevölkerungswachstums in Ägypten erwarten und einem Abschluss dieses Zyklus entgegensehen können."(1)

   Falsch. Total falsch, wie man ein halbes Jahrhundert später weiss. Das Bevölkerungswachstum hat alle Versuche, es theoretisch, statistisch oder biologisch zu begreifen, lächerlich gemacht. Dabei ist Ägypten nicht einmal ein krasser Fall. Syrien, Palästina und Iran waren zumindest zeitweise Beispiele noch stärkeren Wachstums, von Afrika südlich der Sahara ganz zu schweigen.

   Es ist wohlbekannt, dass sich das Bevölkerungswachstum wie ein schwer beladenes Schiff verhält: einmal in Fahrt gekommen, ist es auf Jahrzehnte hinaus nicht zu stoppen. In Ländern, in denen das Durchschnittsalter bei 16-25 Jahren liegt, sorgt das enorme Fortpflanzungspotenzial selbst bei sinkender Fruchtbarkeit je Frau noch lange Zeit für weiteres Wachstum.

The Future of World Religions: Population Growth Projections, 2010-2050

   Wiewohl es gute Gründe gibt, langfristigen Bevölkerungsprojektionen zu misstrauen, gibt doch immer wieder Versuche, mit verbesserter Methodologie realistischere Prognosen zu wagen. Für die Vereinten Nationen sind solche Projektionen eine periodische Pflichtübung; ihre Zahlen werden weltweit respektiert. Kürzlich haben sich zwei Umweltforscher aus anderer Perspektive der Mühe unterzogen, unter Berücksichtigung aller Zweifel und Einwände realistische Projektionen für die Weltbevölkerung bis 2100 zu errechnen.

   Corey J.A. Bradshaw (U. Adelaide)  und Barry W. Brook (U. Tasmania) (2) wollten wissen, mit welchem Artenverlust man in der Zukunft wo rechnen muss. Da der Artenverlust mit der Dichte der menschlichen Bevölkerung zunimmt, mussten die Autoren erforschen, wo welche Bevölkerungsdichte zu erwarten ist. Dazu mussten sie den Globus in Regionen aufteilen und für jede Region die Bevölkerungsentwicklung unter unterschiedlichen Bedingungen ermitteln.

   Durch diesen Ansatz ergab sich ein Spektrum neuartiger und realistisch anmutender Szenarien der künftigen Entwicklung der Weltbevölkerung. Für unsere Betrachtung sind weder die Ergebnisse hinsichtlich des Artenverlusts relevant, noch die Globalprojektion der Weltbevölkerung für das Jahr 2100. Uns interessiert vor allem, was die Autoren hinsichtlich des Bevölkerungswachstums im Nahen und Mittleren Osten und in Afrika ermittelt haben.

   Das allerdings ist erschreckend. Auf Basis der Statistiken der Vereinten Nationen ermittelten die Autoren eine Reihe von Szenarien, die von business as usual bis zur zwangsweisen Einführung der Ein-Kind-Familie chinesischen Musters reicht.  Das business as usual- Szenario berechnet Bevölkerungszuwächse unter der Annahme, dass alles weiterläuft wie bisher, was den allmählichen Rückgang der Sterblichkeit und der Fruchtbarkeit anlangt. 

   Für das westliche und nördliche Afrika (Region 1) erwartet das Szenario bis 2100 eine Zunahme der Bevölkerung auf das Siebenfache, nämlich 3 Milliarden Menschen. Für das östliche und südliche Afrika wird eine Steigerung auf das 5,6 fache erwartet, ebenfalls auf 3 Milliarden.  Die Region 7 (Afghanistan, Ägypten, Irak, Marokko, Pakistan, Somalia , Sudan, Jemen, Mittelmeerländer Europas)  erlebt eine Zunahme auf das 3,5 fache oder 1,4 Milliarden. Bemerkenswerterweise steigt Region 1 zum zweitdichtest besiedelten Gebiet der Welt auf, nach dem indischen Subkontinent (Region 12). In der dünn bevölkerten Region 6, die die Arabische Halbinsel einschliesslich Syriens, Jordaniens, Libyens und Tunesiens umfasst, tritt eine Vermehrung auf das 1,7 fache ein.  Alle anderen Bevölkerungen der Welt schrumpfen entweder oder nehmen nur gering (unter oder auf das Doppelte) zu. Nur die Andenländer (Region 5) verzeichnen eine Zunahme auf das 2,3 fache.

   Wichtiger sind die Ergebnisse des "realistischen" Szenarios 2a, das einen Rückgang der Sterblichkeit bis 2100 auf die Hälfte des Anfangswertes (2013) vorsieht, sowie einen Rückgang der Fruchtbarkeit von 2,37 Kindern je Frau auf 2,00 Kinder, dem Trend der letzten Jahrzehnte entsprechend. Auch das Erstgeburtsalter steigt linear bis 2100 an.

   Interessanterweise unterscheiden sich die Ergebnisse der beiden Szenarien 1 und 2a nicht wesentlich. Für 2050 ergeben sich Weltbevölkerungen von 9,3 bzw. 9,23 Milliarden. Am Ende des Jahrhunderts wäre die Erde von 10,42 Milliarden (1) oder 10,35 Milliarden (2a) bevölkert.

   Eine Haupterkenntnis der Studie liegt darin, dass zeitweiliges Massensterben durch Katastrophen wie einem Weltkrieg, einer  Pandemie oder wegen im Gefolge von Klimaschäden steigender Kindersterblichkeit das Wachstum nur gering vermindert. Auch durch bevölkerungspolitische Massnahmen kann wenig erreicht werden. Lediglich eine drakonische, weltweit für alle Familien geltende Ein-Kind-Regel chinesischen Modells würde die maximale Grösse der Menschheit auf knapp 9 Milliarden um 2056 beschränken, gefolgt von einer Schrumpfung auf rund 7 Milliarden 2100.

   Die Ergebnisse von Bradshaw und Brook decken sich weitgehend mit den jüngsten Projektionen der Vereinten Nationen (3), die das künftige Wachstum der Weltbevölkerung nach oben revidiert haben. Danach wird sich die Bevölkerung Afrikas bis 2050 auf 2,4 Milliarden mehr als verdoppeln und  danach weiter stark auf 4,2 Milliarden wachsen, so dass um 2100 mehr als jeder Dritte ein Afrikaner sein würde.  Von den 31 Ländern, in denen die Frauen derzeit noch mehr als fünf Kinder haben, liegen 29 in Afrika.  In Niger und Somalia sind mehr als sieben Kinder die Norm.

   Während heute Asien fast viermal so viele Einwohner zählt wie Afrika, gäbe es um 2050 bereits rund halb so viele Afrikaner wie Asiaten, und um 2100 hätten die Afrikaner nach der mittleren Variante der UN mit den Asiaten fast gleichgezogen. Bei Bradshaw und Brook wäre Afrika gegen Ende des Jahrhunderts sogar der volkreichste Kontinent. Was den Nahen und Mittleren Osten anlangt, rechnen Bradshaw und Brook mit kräftiger Vermehrung auf das 3,5 fache für Region 7 und das 1,75 fache für Region 6.

   Insgesamt jedenfalls dürfte sich in Afrika ein Bevölkerungsdruck von bislang ungekannter Wucht aufbauen. Nigeria, das 1950 ein Viertel so viele Menschen zählte wie die USA, besässe um 2100 mit knapp einer Milliarde mehr als die doppelte Einwohnerzahl der ebenfalls rasch wachsenden USA. Auch im Mittleren Osten ist  mit starker Vermehrung zu rechnen.  Daraus ergibt sich die Frage, welche Konsequenzen die Demografie unserer südlichen und südöstlichen Nachbarn für Europa haben wird.

   Will man die heutige illegale Zuwanderung als Ausgangspunkt der Betrachtung nehmen, so fällt auf, dass der Nahe Osten viele politische Flüchtlinge schickt, während Afrika südlich der Sahara und Asien überwiegend Wirtschaftsmigranten nach Europa entsenden. Man könnte also annehmen, dass sich das nahöstliche Problem erledigt, sobald dort wieder Frieden einkehrt. Das aber ist unwahrscheinlich, denn eine wesentliche Ursache der Auseinandersetzungen ist ja das frühere Bevölkerungswachstum, das sich in der Gegenwart durch die Präsenz starker Kohorten junger Männer bei hoher Arbeitslosigkeit äussert. Krieg, Kriminalität, Terror und Drogenhandel, oder aber Flucht und Auswanderung, sind für viele die einzige Alternative zum Elend. Solange diese Kohorten nicht in die höheren Ränge der Alterspyramide abgewandert sind, wird es im Nahen Osten keine Ruhe geben.

   In Afrika zeigt sich eine Entwicklung in ähnlicher Richtung. Das Bevölkerungswachstum, das sich seit den achtziger Jahren noch beschleunigt hat, sprengt in vielen Ländern die Sozialstrukturen und die traditionelle Wirtschaft.  Daraus ergibt sich einerseits ein positiver Zwang zur Modernisierung und Entflechtung patriarchalischer Strukturen, andererseits bilden sich die gefürchteten Heere arbeitsloser junger Männer auf der Suche nach einer wie auch immer gearteten Existenz.  Die Lord's Resistance Army in Uganda, Al Shabaab in Somalia, Séléka in der Zentralafrikanischen Republik, Boko Haram in Nigeria und die Stammeskrieger im Südsudan sind nur einige der bekanntesten gewalttätigen Milizen, die vom Viehdiebstahl über die Sklaverei bis zum Drogenhandel und zur Lösegelderpressung leben. Das Überangebot an jungen Männern führt zu Brutalität und Massenmorden. Im ersten Golfkrieg zwischen Irak und Iran (1980-88) trieben die Perser (nach Jahrzehnten starken Bevölkerungswachstums) "menschliche Wellen" als Minenhunde in die irakischen Minenfelder. Tausende kamen um. Typisch ist auch die Verwendung von Kindern als Kämpfer und Kanonenfutter, beispielsweise bei der Lord's Resistance Army, im Ostkongo und jetzt bei dem IS und Séléka.

   Andererseits erleben mehrere Länder Afrikas derzeit einen beachtlichen wirtschaftlichen Aufschwung, getragen durch Telekommunikation, Bankenwesen und Landwirtschaft. Mit der allmählichen Ausbreitung einer modernen Wirtschaft bilden sich für Familien Alternativen zur traditionellen Altersvorsorge durch Kinder und Investition in Humankapital.  China hat mit dem Ein-Kind-System die Ersparnisse der Familien weg vom Nachwuchs in die Banken gelenkt und damit den mit Abstand grössten Kapitalstock aller Entwicklungsländer gebildet und seinen Aufstieg zur weltgrössten Wirtschaft finanziert.  Auch in Afrika würde jeder wirtschaftliche Fortschritt Ersparnisse weg von der Fortpflanzung und in die Geldwirtschaft lenken.  Doch dies gilt auch im Umkehrschluss: wo sich Chaos und Zerstörung ausbreiten, ist mit vermehrter Humankapitalbildung der Familien zu rechnen, wie in Somalia, im Jemen und wohl auch in Syrien und im Irak.

   Geraume Zeit war der Strom der offiziellen Zuwanderer aus anderen Regionen nach Europa laut UN recht stabil. In Italien halbierte sich die Zahl offizieller Einwanderer als Folge der Krise auf 250.000 (2012), während sie in Deutschland auf 400.000 stieg.  Dafür nahm Italien eine stark steigende Zahl illegaler Einwanderer auf, 150.000 in 2014. Während, wie die OECD betont, Europa aus demografischen und Arbeitsmarkt-Gründen eine zunehmende offizielle Einwanderung junger und möglichst qualifizierter Arbeitskräfte benötigt und fördert, wird die massive illegale Einwanderung kritisch gesehen. Obwohl mehrheitlich junge Menschen ungebeten ankommen, handelt es sich um Personen, die aus unterschiedlichen Gründen kein Visum erhalten oder beantragen konnten. Dies begründet Vorsicht im Umgang mit ihnen. Was im Einzelfall kein sonderliches Problem darstellt, das durch Notaufnahme, Sozialhilfe, Rechtsprechung und gegebenenfalls Aufnahme oder Abschiebung gelöst werden kann, weitet sich zur Krise aus, wenn die Illegalen Tag für Tag zu hunderten ankommen, wie es in Italien, Griechenland und in der Folge in Deutschland geschieht.

   Selbst Unkonventionelles ereignet sich mitunter. Im Dezember 2014 floh eine Gruppe syrischer Akademiker samt Familien Richtung Europa. Als sie in Istanbul ankamen, sahen sie ein grosses italienisches Kreuzfahrtschiff im Hafen liegen. Sie erkundigten sich und erfuhren, dass Kabinen auf dem Luxusdampfer billiger waren als die Tarife der Schlepper nach Griechenland.  Sie kauften 1. Klasse-Passagen, kamen mit ihren syrischen Pässen irgendwie an Bord und stiegen in Bari aus. Die italienischen Zöllner waren verblüfft. Noch nie hatten sie Herrschaften, elegant gekleidet, die französisch und englisch sprachen, um Asyl bitten sehen. Sie nahmen wie üblich die Personalien auf, schickten die Syrer in das Notaufnahmelager, aus dem sie wenige Stunden später spurlos Richtung Norden verschwunden waren.

   Eine zunehmend besser organisierte Schlepperindustrie nutzt zynisch die Seenotrettung der Europäer als kostenlosen und sicheren "Fährdienst". Je energischer Europa die Illegalen abwehrt, umso teurer werden die Schleppertarife für potentielle Immigranten, die sich bis in die Türkei oder nach Nordafrika durchgeschlagen haben.

   Bis jetzt ist das Geschehen europaweit noch überschaubar. Aber was wird geschehen, falls sich im Gefolge zunehmender Konflikte und des Bevölkerungswachstums der Andrang der Illegalen weiter verstärkt? Man darf nicht übersehen, dass dank der positiven wirtschaftlichen Entwicklung in Teilen Afrikas nicht nur Auswanderungskandidaten umgestimmt und zum Dableiben bewegt werden können, sondern dass den Entschlossenen, die sich doch auf den Weg machen wollen, grössere Mittel für die Bestechung von Behörden und Schleppern zur Verfügung stehen. Die Konsequenz ist klar: während früher ausschliesslich alte Fischkutter und Schlauchboote als Einweg-Vehikel dienten, verwenden Schlepper jetzt  für den Transport ihrer Kunden alte Hochseefrachter, die sie im Meer nach Verschwinden der Mannschaft steuerlos treiben lassen. Bald werden sie wohl auch Flugzeuge und Fallschirme einsetzen. In Zusammenarbeit mit der lokalen Mafia verfügen die Schlepper über Strukturen in Süditalien, die die angekommenen Mannschaften vor der Polizei verbergen und "recyceln".

   Die Überfahrt kann man im arabischen Facebook buchen. Die Schiffe nach Italien starten fahrplanmässig alle zwei bis drei Tage in den türkischen Häfen Istanbul, Mersin und Antalya. Die Schlepper sind Syrer und akzeptieren Bezahlung (Tarif: US$ 8000)  in der Türkei in bar oder auch an regulären Bankschaltern, wie die Passagiere des Frachters Blue Sky M. nach ihrer Ankunft in Gallipoli laut Il Fatto Quotidiano berichteten. 

    Schon jetzt wird die europäische Abwehrtruppe Frontex für ihre xenophobe Aufgabenstellung kritisiert. Schon jetzt gelingt es Italien nicht, sich aus dem mediterranen Rettungsdienst Mare Nostrum herauszuwinden. Die italienische Nordliga ergeht sich gerne in der Vision, Flüchtlingsboote zu bombardieren anstatt abzuschleppen.  In Griechenland hat der Fremdenhass zur Gründung der Rechtspartei Χρυσή Αυγή (Goldene Morgenröte), geführt. In Sachsen demonstrieren unterfremdete Bürger gegen Überfremdung. In Frankreich bereitet sich der islamfeindliche Front National auf die baldige Machtübernahme vor.

   Bislang ist vieles davon noch eher Populismus und Folklore als Reaktion auf eine existenzielle Bedrohung. Was aber, wenn in kommenden Jahren der Strom der Illegalen anschwillt? Wenn in Nordafrika Menschenmauern an den Küsten stehen, die auf das Schiff ihrer Träume oder ihres Verderbens warten? Was will Europa dann tun?

Heinrich von Loesch

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(1) Heinrich v. Loesch: Ernährung und Bevölkerung in der Entwicklung der ägyptischen Wirtschaft. Diss. LMU, S. 47f.

(2) Human population reduction is not a quick fix for environmental problems.  Bradshaw and Brook 10.1073/pnas.1410465111

(3) World Population Prospects: The 2012 Revision,    http://esa.un.org/wpp/

 

Update

 

Iran: Proposed laws reduce women to ‘baby making machines’ in misguided attempts to boost population

Women in Iran could face significant restrictions on their use of contraceptives and be further excluded from the labour market unless they have had a child, if two proposed laws are approved, says a new report by Amnesty International published today.

“The bills reinforce discriminatory stereotypes of women, and mark an unprecedented move by the state to interfere in people’s personal lives. In their zealous quest to project an image of military might and geopolitical strength by attempting to increase birth rates, Iran’s authorities are trampling all over the fundamental rights of women - even the marital bed is not out of bounds.”

The Bill to Increase Fertility Rates and Prevent Population Decline (Bill 446) outlaws voluntary sterilization, which is believed to be the second most common method of modern contraception in Iran, and blocks access to information about contraception, denying women the opportunity to make informed decisions about having children.

Coupled with the elimination of state funding for Iran’s family planning programme, which had, up until 2012, provided millions of women in the country with access to affordable modern contraception, the move would undoubtedly result in greater numbers of unwanted pregnancies, forcing more women to seek illegal and unsafe abortions. Lack of access to condoms, which were previously dispensed through urban clinics and rural health houses funded by Iran’s Family and Population Planning Programme, would also lead to a rise in sexually transmitted infections, including HIV.

The bill was passed in parliament with an overwhelming majority in August 2014 and is undergoing amendments as recommended by the Guardian Council, a body which needs to approve it before it can become law.

Without such access, women will either have to carry their pregnancies to term when it is not their choice to do so; or risk their life and health by undergoing unsafe, clandestine abortions.

Amnesty International, 11 March 2015

 

Flüchtlingszahlen

Schleswig-Holstein hält die vorhergesagten Flüchtlingszahlen für zu niedrig. "Ich bin derzeit weit entfernt von den Zahlen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge", sagte Innenminister Stefan Studt (SPD) der Deutschen Presse-Agentur. "Wenn wir unsere Zahlen hochrechnen, müssen wir 2015 in Deutschland mit 500.000 bis 550.000 neuen Asylbewerbern rechnen und nicht nur mit 300.000, wie vom Bundesamt angegeben."

Update

Fertility, mortality, migration, and population scenarios for 195 countries and territories from 2017 to 2100

In the reference scenario, sub-Saharan Africa and north Africa and the Middle East were the only super-regions forecasted to have higher populations in 2100 than in 2017 (3·07 billion [95% UI 2·48–3·84] people in sub-Saharan Africa and 978 million [715–1404] in north Africa and the Middle East

The Lancet

 

BRÜSSEL - Eine Mauer gegen Migranten auch in Europa. Das Beispiel Trump hat in der Union Schule gemacht, und so haben vorgestern, am Vorabend des Rates der EU-Innenminister in Luxemburg, 12 Länder einen Brief an die Kommission geschickt, in dem sie ausdrücklich neue Maßnahmen in dieser Angelegenheit fordern, angefangen mit dem Bau einer "Mauer" an den südöstlichen Grenzen Europas. Die zwölf Unterzeichner sind Österreich, Zypern, Dänemark, Griechenland, Litauen, Polen, Bulgarien, die Tschechische Republik, Estland, Ungarn, Lettland und die Slowakei.

 

 

 

Turkey

   The Islamization of Turkey by President Recep Tayyip Erdoğan and his AK Party government is in rapid progress.  Two terrorist movements, one of Iranian origin and one affiliated to Al Qaeda are protected by the authorities from judicial inquiries. The Iranian inspired Tawhid-Salam (Jerusalem Army) network with ties to high AKP government officials was monitored by the Turkish National Intelligence Organization (MIT) and the U.S. Consulate.  After three years of surveillance, in July 2014, the Istanbul Prosecutor's Office abruptly decided to drop the case, and the lead prosecutor was reassigned in an orchestrated move understood as a cover-up of a highly sensitive probe.

"In a bizarre, twisted and large crackdown on media in Turkey, a prosecutor has accused screenwriters, leading journalists and police investigators of defamation of an al-Qaeda-linked terrorist group called Tahşiyeciler, (roughly translated as annotators)"  wrote Today's Zaman on December 15, 2014.  "Editors who published reports on the group, columnists and scriptwriters who wrote about it and police investigators who investigated it were all charged with attempts to topple the Turkish government by defaming a group with clear ties to an al-Qaeda network in Turkey." 

   Tough stuff, barely noticed abroad. Better notice has been taken of the government's drive to upgrade the Imam-Hatip schools. Institutions originally created to educate students for future service as (state appointed and salaried) imamsthe Imam-Hatip schools became popular among pious families. In his earlier role as premier, Erdoğan saw to it that the diploma of these religious schools would be considered equivalent to public high school diplomas. That opened for Imam-Hatip school students a shortcut to college and university.

   Recently, the government has -- without consulting parents and teachers --  begun to transform scores of high schools into Imam-Hatip schools, entailing a comprehensive change of the curriculum.  If the government succeeds in changing most or all secular high schools into Imam-Hatip schools, Turkey will breed generations of ignorant mullahs and hodshas believing in the creation and knowing little beyond the Quran and the Hadiths.  With generations of Imam-Hatip school alumni Turkey would in all likelihood not be able to maintain its present standard of living.

   In addition, President Erdoğan insists that all young Turks should learn the old Ottoman language, a mix of Turkish, Arabic and Farsi, written in Arabic letters, abandoned for almost a century. 

 

Syria

   In the territory formerly known as Syria only two recognizable entities are existing: the Assad government area and the Islamic State area. The remaining part is carved up in a multitude of fiefdoms with daily changing borders, alliances and denominations. Former Syria has become an international battlefield with thousands of foreigners fighting on all sides.  The Assad government, originally based on the secular Baath party, has in practice become a Shiite government propped up by Iran and the Lebanese Hezbollah militia which is more effective than the government's military. In addition to Iranians, Lebanese and Iraqis, some Shiite Houthis from Yemen are fighting for Assad.  Also, Russians have reportedly been spotted among Assad's military advisers.

   The IS continues to attract foreign jihadis and  newly converted foreigners in large numbers, although passage through Turkey has become a bit more difficult. Still, IS apparently finds it difficult to  "absorb" the arriving volunteers. All opposition groups are afraid of spies among the foreign jihadis. They screen them thoroughly and send them quickly to the battlefield to test their determination to sacrifice themselves. The alleged execution of a hundred or more potential mutineers from Europe by IS has reverberated in the Internet which has also seen reports of recent shortages of funds for salaries and bottlenecks in the supplies of food, electricity and other essentials. The inability to take the beleaguered Kurdish town of Kobane, plus some military setbacks in Iraq, have dented the image of an invincible IS.

   Assad's government and the IS, however, continue to coexist in several ways. Foreign volunteers in the IS are reportedly frustrated if they are called to fight other opponent militias instead of sacrificing themselves in the battle against Assad.  The government air force focuses its bombing raids on areas held by smaller opposition groups and leaves the fight against the IS mainly to the U.S. led coalition. Assad and the coalition have effectively harmonized their bombing schedules: the Syrian air force flies in the mornings, the coalition planes prefer afternoons and nights.

   In the private sector, good old Syrian merchant mentality can overcome even the steepest religious and political hurdles: Damascus based investors are said to be operating oil rigs and refineries in IS territory in a profit sharing arrangement.

  

Iraq

   War ravaged Mesopotamia is enjoying the stability of a stalemate. The IS does not seem to be powerful enough to attack Baghdad and the holy cities of Najaf and Kerbela.  While the American-trained Iraqi army is still riddled by corruption, absentee soldiers and little fighting spirit, the IS is faced by fierce Shiite militias. Iran has left no doubt that it will intervene if the holy places in Iraq are in danger.

   For lack of a military power, the government is unable to attack the IS and drive it out of Anbar province. With considerable human sacrifice, some progress was achieved by the Kurdish Peshmerga militia which was originally badly outgunned by the IS and is now receiving training and some modern weaponry and equipment.

  

Egypt

   After four turbulent years, Egypt is enjoying a return to normalcy. The protests by Muslim Brothers and secular minded students have subsided under heavy government pressure;  public attention is again focused on mundane problems of daily life: bread, fuel, electricity. Copts are restoring their mob-ravaged churches. The government is busy mending fences: ties with the strongest supporters of ousted President Morsi -- Qatar and Turkey --  are about to be re-established. Jailed Al-Jazeera journalists who allegedly supported Morsi are about to be freed.  In pursuit of its sharp anti-Brotherhood policies, Cairo continues to treat Syrian refugees harshly because most of them are suspected to be Islamists driven out by President Assad;s forces.

   The population is watching how the military government will handle the country's huge economic problems. Unsustainable levels of bread, gasoline and heating oil subsidies need to be lowered without exposing millions of Egyptians to hunger and throttling traffic. Saudi Arabia and the Emirates cannot continue for years to fill the coffers of the government.

   A new tourist boom is badly needed but terror groups like Gamaa Islamiyah know too well how fragile tourism is.

   With the domestic situation pretty much under control, the government is now looking across borders, taking an active interest in Egypt's traditional area of influence: eastern Libya.

  

Libya

   The country still has two parliaments and two rival governments. Allies of the secular minded General Khalifa Haftar are running the eastern government at Benghazi. The gemeral who wants to free Libya of all Islamist militias is supported by Egypt and the Emirates. According to unconfirmed reports, Egypt's air force has even bombed some of Haftar's opponents in the Cyrenaica.

   At the same time, the Islamist counter government in Tripolis receives support and arms from Qatar and Turkey. The U.N. has apparently been successful in brokering a ceasefire in Benghazi between Haftar and his enemies. However, most news of this kind have a short shelf life  in Libya. The country is in danger of sliding into a full scale proxy civil war on behalf of external powers.

  

Maghreb

   The three countries -- Tunisia, Algeria and Morocco -- are trying to stabilize their domestic situation by limiting the influx of refugees, especially from Syria and sub-Saharan Africa. Libyan refugees are generally treated well whereas Syrians are for similar reasons as in Egypt considered potential troublemakers. Immigrants from Mali, Niger, Mauritania, Chad and Eritrea are not welcome because they tend to stay if they cannot make the passage to Europe. Also, they are suspected of not being economic or political refugees but members of  criminal gangs or Qaeda-affiliated terror militias.

   Tunisia, after it got rid of the Islamist Ennahda government, is finally taking notice of the large numbers of young people who left the country, encouraged by imams and Ennahda, to fight in Syria, mainly for IS and al-Nusra. Hundreds of Tunisians have already returned from Syria, expecting to be praised as heroes in the fight for Islam. Instead, they find themselves to their great surprise under scrutiny by secret service and police who want to find out how dangerous they are.

  

Conclusions

   With proxy wars going on or developing in Syria, Iraq and Libya, the picture these countries present is deeply troubling. Saudi Arabia, Qatar and Turkey are the powers most active pulling strings behind and partly even before the scenes.

   Saudi Arabia seems to be playing with the highest stakes: the IS could serve as a precursor of a Saudi takeover of Syria and northern Iraq. Some observers believe the IS has been created by the Saudis. Instead, the group heading IS seems to have been founded in American prison camps in Iraq. By imposing sharia law  in IS territory, the caliphate is in fact preparing the population for a future under Saudi rule. It is no secret that the majesties in Riad always considered Syria an ideal territory to be added to their kingdom. But the rather secular attitude of the population and the Western habits of urbanites and middle class in Syria seemed an unsurmountable obstacle for Saudi colonialist dreams.

  The IS is now suppressing the secular habits of the population, enforcing its own interpretation of sharia law and forcing women to wear black niqabs or burqas, thus preparing not only parts of Syria but also of Iraq for eventual Saudi domination.  A risky gamble for sure, but with American support and tough Kurdish fighters, who knows?

  Iran has thus far been relatively reluctant to get involved. Although Iranian officers are leading Iraqi government troops and  some Iranian units have been seen in Iraq, Tehran still resists the temptation of turning the tables in Iraq with a full scale military intervention.  Another regional power showing remarkable restraint is Israel, Apart from some skirmish with Gaza, Lebanon and Syria, it is passively watching the unfolding drama around it.

  Egypt is only slowly awaking after years of internal turmoil and remains rather passive while another power of similar size, Turkey, has become the champion of the Muslim Brothers' cause. While doggedly supporting whoever is fighting Assad in Syria and Haftar in Libya, Turkey continues to mourn the loss of Morsi in Egypt. So bitter is Turkey's disappointment with Assad's and his allies' failure to hand Syria over to the Islamists of Ankara's choice that any  group fighting Assad -- including IS and al-Nusra -- can count on Turkey turning a blind eye to their activities or providing open support. Some observers -- notably Kurds --  even suspect that Turkey has territorial ambitions in Syria, especially as regards Kurdish settled border zones.

Ihsan al-Tawil

   

   Vor wenigen Jahren kannten ausser Türken nur ein paar Spezialisten den Namen Fethullah Gülen.  Ein Islamprediger, der -- aus dem Nichts kommend -- sich mit dem Geld seiner Gemeinde ein Milliarden-Imperium von Verlagen, Zeitungen, Fernsehsendern und vor allem Privatschulen aufgebaut hat. Schulen in vielen Ländern, auch in Deutschland. In den letzten Monaten wurde der im Exil in Pennsylvania lebende Prediger weltbekannt, weil er in einen gnadenlosen Zweikampf mit dem Machthaber der Türkei, Präsident Recep Tayyip Erdoğan, verstrickt ist.

   Ursprünglich Glaubens- und Weggenossen, entwickelte sich zwischen ihnen im Lauf der Regierungsjahre Erdoğans eine Rivalität, weil sich der Regierungschef und jetztige Präsident zusehends von seinem Mentor abnabelte und dieser sich revanchierte, in dem er einen Korruptionsskandal ausschlachtete, in den die Familie Erdoğans und mehrere Minister verwickelt sind.

   Nun schien es der Süddeutschen Zeitung  (13. 12. 14) angebracht, den scheuen Fethullah Gülen in seinem Exil zu interviewen. Die Türkei/Griechenland-Korrespondentin Christiane Schlötzer reiste in Begleitung von Tim Neshitov, dem ehemaligen Zögling einer Gülen-Schule, nach Saylorsburg. Das Ergebnis: ein Aufmacher "Der Prediger klagt an" auf der Titelseite und ein ganzseitiges Interview, in dem ein milde lächelnder, schnurrbärtiger Greis seine Anklage gegen Erdoğan abspulen darf.

   Und Erdoğan? Seine Version der Kabale wird nicht erläutert. Das ist vermutlich auch nicht nötig, denn er verkündet sie nicht nur den Türken gerne und bei jeder Gelegenheit. Wer aber türkische Politik nicht laufend verfolgt, könnte den Eindruck gewinnen, dass Fethullah Gülen ein durchaus honoriger Mann ist, der Vertreter eines milden Islam und Kritiker der Mörderbande des Kalifen von Raqqa. Wie lieb und verdienstlich, dass er sein weltumspannendes Netz von Schulen betreibt! Der deutsche Verfassungsschutz sieht das allerdings eher kritisch.

   Das Problem von Erdoğan und Gülen ist, dass sie mit ihren gegenseitigen Verdächtigungen wahrscheinlich beide Recht haben. Erdoğan ist wohl wirklich auf dem Weg zum "Ein-Mann-Staat", wie Gülen sagt, und der Prediger hat mutmasslich versucht, sich mit Hilfe seiner alle Bereiche der Macht in der Türkei durchdringenden Geheimgesellschaft zum  Strippenzieher und Marionettenspieler aufzuschwingen. Ein Glück für die Türken, dass diese beiden ehrgeizigen und mächtigen Männer sich streiten. Nicht auszudenken, was geschähe, wenn die beiden weiterhin verbündet wären. So kommen jede Woche neue Details des Machtkampfes ans Licht, zur Information der Türken und zum Staunen des Auslands.

   Offenbar erschüttert die Türken das Geschehen nicht sonderlich. Sie sind von ihren Politikern einiges gewöhnt. Erdoğan haben sie vor kurzem trotz Korruptionsskandal wieder gewählt, und dass Gülen im Exil lebt, weil ihm in der Türkei ein Hochverratsprozess droht, hat seiner Beliebtheit bislang nicht geschadet.  Dennoch, wenn zwei Elefanten kämpfen, leidet das Gras. Zu dutzenden sind Staatsdiener entlassen, angeklagt oder versetzt worden, weil sie verdächtigt wurden, "Gülenci" zu sein, oder weil sie von Amts wegen Korruptionsverdächten nachgingen.  Redaktionen wurde durchsucht und  Journalisten verhaftet. Erdoğan schlägt um sich.

Ihsan al-Tawil

Die in wirtschaftlichen Schwierigkeiten befindlichen Südländer -- Griechenland, Italien, Spanien und Portugal, aber auch Frankreich -- klagen über hohe Jugendarbeitslosigkeit. Von einer verlorenen Generation ist die Rede. Die Gewerkschaften fordern massive Investitionen, um den Jobmotor anzuwerfen und die Jungen von der Strasse wegzubringen. Auch die EU hat ein Programm für die Jugend gestartet. Trotz allem Aktionismus und Gerede bleiben die Hintergründe der Jugendarbeitslosigkeit rätselhaft, zumal mancherorts die Nachfrage nach Arbeitskräften im Rentenalter steigt.

   Die italienische Zeitschrift "L'Espresso" hat sich ausführlich mit diesem Thema befasst. Startpunkt war eine Anzeige "Junge Hochschulabsolventen gesucht", auf die sich niemand meldete. Geboten wurden Ausbildungspositionen zu 22.000 Euro pro Jahr brutto (ein gutes Gehalt in Italien), Auto, Firmentelefon und weitere Annehmlichkeiten für eine Tätigkeit in Vertriebsbuchhaltung für eine marktführende Firma in drei Regionen Italiens.

   Eine Personalagentur schaltete Anzeigen in der geeigneten Presse und in Sozialmedien. Gefordert wurde ein akademischer Abschluss, Alter unter 30 Jahren und Wohnort in der jeweiligen Region. Man erwartete Waschkörbe voll Bewerbungen. Doch in der Basilikata meldeten sich nur 6 Bewerber, die nach dem ersten Kontakt ablehnten. In Ligurien interessierten sich 8 Personen, doch nur zwei erschienen zum Vorstellungstermin. In Molise meldete sich nur ein Mann, der jedoch schon vor der Vorstellung ablehnte. Und das in einem Land mit 43 Prozent Jugendarbeitslosigkeit.

   Was war geschehen? In einer öffentlichen Diskussion über den Vorfall wurde das Alterslimit von 30 Jahren kritisiert. Zwischen 30 und 40 hätte es viele Bewerber gegeben, wurde behauptet. Wie auch immer, Personalfachleute sind der Ansicht, dass es in Italien tausende unbesetzte Stellen dieser Art gebe. Sie sehen vor allem ein mismatch zwischen der Ausbildung der jungen Menschen und den Bedürfnissen der Wirtschaft. Zu Viele studieren Geisteswissenschaften und streben nach Beamtenpositionen, während die Wirtschaft vor allem Naturwissenschaftler und Techniker braucht.

   Der Mitinhaber einer anderen Personalagentur sagte, in seinen siebzehn Jahren im Metier hätte er die Suche nach qualifiziertem Personal noch nie so schwierig gefunden wie heute. Er zitierte den Fall einer namhaften venezianischen Modefirma, die junge Hochschulabsolventen suchte. Viele hätten sich interessiert, mancher hätte aus Neugier das Vorstellungsgespräch absolviert, aber niemand hätte die Stelle angenommen.

   Ein anderer Personalfachmann verwies auf das Problem der Überqualifikation mancher Bewerber, die sich zwar in der Forschung spezialisiert haben, doch nicht den Anforderungen der Wirtschaft entsprechen.

   Soweit der Bericht des "Espresso", der freilich im Lichte der Natur des italienischen Arbeitsmarkts moderiert werden muss. Unzählige Schwindelfirmen tummeln sich auf dem Sektor Ausbildung und Praktiken, deren Absicht es ist, den gutgläubigen jungen Menschen teure Lehrgänge und Lernmittel zu verkaufen. Die meisten jungen Italiener dürften Bekanntschaft mit solchen stets grosspurig auftretenden Firmen gemacht haben. Nicht umsonst streben viele Jobsucher zum Staat. Die Römer Müllabfuhr und die Polizei beispielsweise können sich Hochschulabsolventen als Müllkutscher und Streifengänger leisten.

   Dennoch bleibt unter den jungen Italienern nach Abzug aller Unvolkommenheiten des Arbeitsmarkts ein nicht gerade dünner Bodensatz von Null-Bock-Kandidaten übrig, die entweder garnicht suchen oder auf die ihnen ins Maul fliegende gebratene Taube warten. Die elterliche Wohnung ist bequem, und ein Anliegen wie etwa die Gründung einer Familie kann man Jahr um Jahr aufschieben, bis die gebratene Taube herbeifliegt. Oder nicht. In der Zwischenzeit kann man vielleicht mit ähnlich motivierten Freunden ein wenig Musik machen oder sonstwie genial sein. Hauptsache, die Eltern sind beeindruckt.

Benedikt Brenner

 

   Vor wenigen Jahren erkrankte eine gute Freundin von mir an Krebs, an einem bösartigen, als unheilbar erachteten Krebs. Bei ihrer Suche nach einer alternativen Therapie stiess sie auf das Buch The Cure for All Cancers von einer Autorin namens Hulda Regehr Clark, Ph.D. Das Buch erklärte, dass Krebs, AIDS und andere Krankheiten von Darmparasiten und Umweltverschmutzung hervorgerufen seien. Clark sagte, es genüge, durch  Einnahme von Walnusstinktur und anderen natürlichen Mitteln den Körper von Parasiten zur "reinigen", um zu gesunden.

   Meine Freundin folgte den Anweisungen getreulich und verstarb nach 18 Monaten. Hulda Clark selbst starb 2009 an Krebs. Ihr Buch erreichte Millionenauflagen und war zeitweise in den USA vergriffen. Zum Buch gab es "Heilmittel" und Gerätschaften, die weltweit verkauft wurden. Kostspielige "Klinik"-Aufenthalte gab es zeitweilig  auch. Clark sammelte um sich eine grosse Schar von Bewunderern, die ihrer Lehre wohl auch heute noch anhängen.

   Warum lassen sich erwachsene, gebildete, vernünftige Menschen durch Quacksalberei verführen? Bei einem Krebskranken, dem die Schulmedizin keine Chance bieten kann, mag das verständlich sein. Bei einem Menschen, der sich nicht in einer verzweifelten Notlage befindet, wirkt es merkwürdig. Und doch beobachtet man bei manchen Zeitgenossen, die durchaus mit beiden Beinen im Hier und Jetzt stehen, eine gewisse Anfälligkeit für Pseudo-Wissenschaft.

   Hulda Clark war ein gutes Beispiel. Ihren Ph.D. - Titel hatte sie nicht in Medizin, sondern in Zoologie und Botanik erworben. Zudem schmückte sie sich mit einem windigen Titel in "Naturopathie". Das reichte, um ihre mutmasslich von Wissenschaft wenig beleckten Anhänger zu beeindrucken. Auch meine Freundin.

   Verständlicherweise sind es oft Lebensängste, die Menschen zu Quacksalbern treiben. Gesundheit, Ernährung und Umwelt bieten ein Feld, auf dem sich viele Autoren tummeln können, wenn sie nur ein wenig den wissenschaftlichen Jargon beherrschen. Je erstaunlicher ihre Behauptungen, desto erfolgreicher ihre Veröffentlichungen. Doch auch auf anderen Gebieten gibt es breites Spektrum von kruder Wissenschaft bis zu phantasievoller Erfindung und glattem Betrug. Bücher sind die Pflastersteine dieser Scheinwelt; das Internet und die sozialen Medien sind der Mörtel, der das luftige Bauwerk zusammenhält.  Ist eine neue Legende erst einmal erfolgreich veröffentlicht, so gesellen sich Trittbrett-Autoren dazu. Trichterförmig öffnet sich die Perspektive, sobald mehr Menschen in dieser Richtung zu lesen und zu suchen beginnen. Die Legende verfestigt sich, drängt im Bewusstsein der Adepten die Wissenschaft ins Abseits.

   Wenn der Glaube an Quacksalberei die Medizin verdrängt, kann das fatale Folgen haben. In anderen Fällen mag das Ergebnis eher komisch und lächerlich sein.

   So geht es dem Präsidenten der Türkei, Recep Tayyip Erdoğan. Mit seiner Idee, in Kuba eine Moschee zu bauen an einer Stelle, an der angeblich ein islamischer Entdecker Jahrhunderte vor Kolumbus die Neue Welt betrat, hat sich Erdoğan zum Gespött von Kommentatoren und Karikaturenzeichnern nicht nur in türkischen Medien gemacht.  Indem er fragwürdige und pseudo-wissenschaftliche Quellen bemühte, um angebliche Errungenschaften weithin unbekannter islamischer Forscher und Denker zu beweisen, hat Erdoğan dem verständlichen Bemühen, das Ansehen der islamischen Kultur aufzuwerten, einen schlechten Dienst erwiesen. Je mehr Kritik er für seine Behauptungen erntet, desto mehr versteift er sich.  Es ist bedauerlich, dass es offenbar niemand in seinem Umfeld wagt, ihn zu bremsen und von weiterer Selbstdemontage abzuhalten. Erdoğan hat gewiss genügend Leistungen in seinem Leben vorzuweisen und bräuchte sich nicht auf Sektoren zu profilieren, von denen er wenig versteht.

   Seine letzte Eskapade, nämlich für die ganze Türkei den obligatorischen Schulunterricht in osmanischer Sprache anzuordnen, ist -- wenn der Ordre de Mufti denn tatsächlich befolgt wird -- kein Pappenstiel.  Die alte osmanische Sprache aus der Zeit der Sultane unterscheidet sich wesentlich vom modernen Türkisch. Sie enthält zahlreiche Ausdrücke aus dem Arabischen und anderen Sprachen des alten ottomanischen Reiches, die vor fast einem Jahrhundert durch türkische Begriffe ersetzt wurden. Vor allem aber bedarf sie der arabischen Schrift, die ausser Priestern und Gelehrten wenig Türken beherrschen. Ein erheblicher Teil der schulischen Lernzeit würde davon auf Kosten anderer Fächer absorbiert werden.

   Kein Wunder, dass nicht nur Lehrkräfte alarmiert sind.  Die wichtigste Oppositionspartei CHP sieht in dem Vorschlag einen weiteren Versuch Erdoğans, für die moderne Türkei die Macht und den Glanz des alten Sultanats und Kalifats zu beanspruchen.  Mit der Wiedererweckung der arabischen Schrift würde Erdoğan einen Schlag gegen das Erbe des Staatsgründers Atatürk fuhren, der 1928 den Türken die lateinische Schrift, wie wir sie heute kennen, dekretiert hatte.  Kenntnis der arabischen Schrift würde die Schüler in die Lage versetzen, auch klerikale Texte im Original zu lesen. 

   Erdoğans neue Massnahme, bei deren Verkündung er sogar seinen zögerlichen Regierungschef Davutoğlu desavouierte, ist nur ein weiterer Schritt zur umfassenden Islamisierung des Unterrichts. Seit dem Beginn der dritten Amtszeit Erdoğans als Premier 2011 wurde das Mindestalter für Koranunterricht auf drei Jahre gesenkt, die Anforderungen an Religionslehrer wurden vermindert und auch Imame aus Saudi-Arabien zugelassen. Als Wahlfächer wurden Arabisch, das Leben des Propheten, und Korankunde eingerichtet. Die Absolventen der religiösen Imam-Hatip-Schulen wurden gegen Proteste der Universitäten zum Studium zugelassen.

   So radikal, wie einst Atatürk sein Volk durch die Schriftreform über Nacht zu Analphabeten machte, will Erdoğan die Türken mit der originalen Lektüre seit Generationen unleserlicher Texte beglücken und die Bevölkerung allmählich in ihre orientalische Kultur und Religion zurückführen dank einer Schrift, die sie zwar mit Arabern, Iranern und anderen Völkern verbindet, nicht aber mit Europa und Amerika. 

Heinrich von Loesch

Updates

Tens of thousands of teachers planned to go on strike for one day on Friday all over Turkey in reaction to the AK Party's perceived attempts to transform the country's education system into one based on religion. (Today's Zaman, 13/02/15)

During his visit to Cuba, President Recep Tayyip Erdoğan said that he submitted a very detailed project to Cuban authorities to have a mosque built in Havana. (Today's Zaman, 12/02/15)